Zur Blog-Hauptseite
Kolumnen
Peter Herrmann - 1.8.2016
Zur Blog-Hauptseite
Aktuell
Kolumne

 

Otto Frick ist am 3. Oktober an den Folgen eines Motorradunfalls in Lomé verstorben.

Die Besucher meiner Galerie in Berlin kennen Otto als regelmäßigen Gast. Jahrzehnte war er mit Togo verbunden und war Gestalter der Seiten für die GIZ. Als Betreuer und Übersetzer einer Hilfsorganisation verbrachte er einige Wochen in Togo und überlegte bei unserem letzten Treffen, einen Tag vor seinem Unfall, wie er es machen könnte, ein halbes Jahr in Berlin und ein halbes Jahr in Lomé zu verbringen. Auf der nächtlichen Heimfahrt mit einem Motorradtaxi wurde er, nachdem der Fahrer eingeschlafen war, zwei Tage vor seinem tragischen Ende zunächst nur verletzt. Innere Blutungen, eine falsche Diagnose und das nicht Beschaffen können seiner seltenen Blutgruppe machten seinen Träumen ein Ende.

Möge er in Frieden ruhen.


 

Otto bei einer Austellungseröffnung in Berlin 2013

Graue Linie
Begräbnis von Otto Frick
 

Eigentlich ist ein Begräbnis eine ernste Angelegenheit. Doch Freund Otto liebte Humor und wurde ganz gern auch mal Zynisch. Dass dann im Grabaushub während der gesamten Zeremonie eine leere Weinflasche keck nach oben zeigte und knapp daneben noch eine alte Tomatenmarkdose den Deckel streckte hätte er interessant gefunden. Um Otto nun in seinem und meinem Sinn gerecht zu werden, legte ich bei meinen Aufnahmen Wert auf Details, die nicht immer unbedingt mit Tod und Verlassen zu tun haben. Oder eben gerade doch. Denn Otto war auch Dialektiker, wie wir Nordalemannen von Geburt aus. Da ändert auch Berlin nichts mehr. War schon bei Hegel so.

 

Otto's Panorama

 

Wir kamen also an, auf dem traurigen Gelände. Zunächst beeindruckte mich die grandiose Aussicht. Das hätte Otto gefallen. Da war ich mir sicher. Togo als letzte Ruhestätte sowieso, an Engel glaubte er nicht, aber an Flugzeuge.

 

Otto's Abschiedskomitée

 

Unter dem einzigen Baum des riesigen Friedhofs warteten, die Abschied nehmen wollten. Ein kleines Häuflein Treuer. GIZ, Botschaft, Entwicklungshelfer und ehemalige Mitarbeiter. Deutsche und Togoer.

 

Freunde und Mitarbeiter

 

Von weit her kamen Einige. Eckehard Mewes extra aus Deutschland und vier ehemalige Kollegen von Otto seit morgens um vier aus Sokodé im Norden Togos.

 

Schläfer

 

Die teuren Gräber um die herum sogar gefegt wird, liegen auch unter diesem großen Baum. Hier ließ sich trefflich bei einem Nickerchen warten.

  Grandiose Aussicht und in Frieden ruhen
 

Hinaus gings aus dem Schatten in die riesige letzte, sonnige Ruhestätte des Friedhofs in Bé Kpota. Hinten, leicht links, in Richtung Flughafen. Falls jemand Otto mal besuchen möchte, braucht er eine Führung dorthin. Der Friedhof ist noch größer, als er auf dem Foto scheint.

 

Abschied nehmen

 

In Afrika tragen Trauernde vorwiegend Weiß. Ich trug schwarz und weiß nun definitiv um diesen Unterschied, der viel mit Sonne zu tun hat. Der Volvo mit orangenem Blinkelicht war aus ähnlichen Gründen auch Weiß. Mit ihm machte Otto seine letzte Fahrt und wurde nun in einem Sarg aus Rotholz herbeigetragen. Links der schlichte Aushub.

 

Beisetzung

 

Letzte Anweisungen für die etwas holpernde Angelegenheit. Ein Angestellter der deutschen Botschaft hält einen Kranz bereit.

  Unter den kritischen Augen des Klerus
 

Eigentlich hatte Otto mit der Kirche nichts am Hut. Da er aber einen Pater Marian aus Kpalimé kannte, wollte der es sich nicht nehmen lassen, ein paar tröstende Worte zu sprechen und brachte konfessionsübergreifend gleich noch etwas Verstärkung mit. Skeptisch schauten sie dem Vorgang zu. Es ging mir so untrauernd durch den Kopf, dass die Herren Geistlichen den anwesenden Togoerinnen und Togoern beweisen wollten, dass sie noch das Hoheitsrecht über Alle bis in den Tod haben. An Stelle von Otto fühlte ich mich überumpelt von dem schlichten Argument "Ein kleines Gebet kann ja nicht schaden".

 

Abschied mit vielen Fotos

 

Warum also das Kreuz auf seinem Sarg sein musste? Diese Symbolik übersteigt bei weitem ein kleines Gebet, das ja nicht schaden kann. In der für Europäer schwer nachvollziehbaren afrikanischen Religiosität schadet es meiner Meinung nach auch nicht, hin und wieder darauf hinzuweisen, dass drei Viertel der in Berlin Lebenden eben gerade keiner Religion zugehören. Dass Otto auch noch Zuneigungen hatte, die nicht so sehr nach Damen tendierten, ließ man auch schamhaft fahren. Zeit seines Lebens musste er damit vorsichtig sein. Denn Togo ist nicht Berlin.

 

Gedenken

 

Gedenken

 

Eckehard

 

Ottos Name, wie bei den Ewe üblich in Textil gewoben, wurde noch auf dem Sarg angebracht. Dem Padre wird ganz warm und Eckehard blickt traurig.

 

Otto, wir werden dich vermissen

 

Otto, wir werden dich vermissen.

 

Geistliche Präsenz

 

Aus Europa stammende Geistliche bekommen in Afrika ein etwas anderes Äußeres.

 

Salbungsvolle Worte

 

Es wurde erzählt und gebetet. Auf deutsch und auf französisch. Ein katholisch anmutender Gesang von einem der drei Herren vorgetragen, gab der Zeremonie doch noch den Charakter von Spiritualität.

 

Eckehard Mewes spricht

 

Dann spricht Eckehard Mewes glücklicherweise weltliches. Über Otto, seine Vorlieben, seine Verdienste, seine Nähe zu Togo. Der Herr im weissen Hemd ist Rafael Teck von der deutschen Botschaft, der sich mitfühlend und mit großem Einsatz um die ganzen Schwierigkeiten kümmerte, die so ein plötzlicher Tod mit sich bringt.

 

Skurriles am Rande

 

Eckehard Mewes spricht immer noch. Der Fotograf muss, trotz aller Trauer, ein wenig in sich hineingrinsen. In Berlin haben wir bei Christian Hanussek so manche Weinflasche zu dritt mit Luft gefüllt und dabei viel gekocht. Dass nun so unaufällig und adrett im Aushub so Symbolkräftiges herumliegt wie ein Rosé und eine Tomatenmarkdose hat das, was ein Künstler eine himmlische Botschaft nennt.

 

Plastik allerorten

 

Fotos lügen gerne. Was man nicht so sieht, ist das Plastik allüberall. Der ganze Friedhof ist plastifiziert. Zwischen verfallenen Gräbern huscht der Müll. Groß ist die Trauer im Moment, im Angesicht des Todes. Doch die Gräber werden weit weniger gepflegt, als in Deutschland üblich. Togo hat für den Schwaben etwas eigentümliches. Ordnung und Sauberkeit, Akurranz im Tun und der Anspruch von Perfektion stehen im Widerspruch zur Unordnung und Nachlässigkeit Togos. Doch gerade dieses Unterschiedliche hat etwas Anziehendes. Es gibt noch so viel aufzuräumen, so viel unerledigtes und so viel unbestellte Äckerchen.

 

Doch was ist das?

 

Doch was ist das? Plötzlich werden die Trauernden immer mehr. Was vorher noch ein Grüppchen war ist nun schon Gruppe. Die Totengräber unterbrechen den Singsang. Plötzlich solls hopplahopp gehen. In das Schweigen kommt Unruhe. Eine Filmkamera taucht auf ... Schön das Zusammenspiel der Uniformen, bei denen die der Totengräber so gar nichts offizielles haben. Doch cool der Aufdruck im Rücken. Blau und Gelb die Helme. Was könnte da von oben fallen?

 

Totenkopftotengräber

 

Mit Blinklicht und Sirene fährt ein Auto rückwärts in die Menge. Die Totengräber haben Otto unten und ruhen aus, die Kamera filmt, die Geistlichen bekommen geistliche Konkurrenz, über Gräber wird gelaufen, Telefone klingeln, hysterisch laut weint eine Frau, als erster wirft noch Eckehard ein Schäufelchen Sand nach Otto,

 

Mit Dreck werfen

 

dann ich ... komm kaum noch durch ... Gerade war noch alles ruhig und klerikal. Ich konnte noch darüber nachdenken, dass ich den Spruch "aus Erde wurdest du gezeugt, zu Erde wirst du wieder" noch nie leiden konnte und nach Freunden deshalb mit Dreck schmeissen um Adieu zu sagen eigentlich auch nicht. Also dachte ich im Gewimmel "Hej, Otto, ich machs mit, ist aber echt nicht so gemeint ... ". "Nimms mir nicht übel" obwohl ich weiß, dass Otto mir nun nie wieder was übelnehmen kann.

Schon liegt der zweite Sarg bereit. Nebenan wird ein bekannter Togoer beigesetzt und zweihundert Trauernde drücken. Stau im Friedhof. Die Geistlichen von Nebenan geben Otto auch noch geleitende Worte mit auf seinen Weg. Danke.

 

Kränze werden für Fotos aufgelegt

 

Kränze werden hastig ins Grab gelegt, damit man noch Fotos machen kann. Einige fehlen, durch die große Menge hastet noch ein Mann und bringt noch einen verspäteten.

 

Alle gedenken Otto

 

Aus der Hektik entsteht wieder Ruhe. Nachdem die Nachbargeistlichen ein paar Worte zu Otto sprachen, gedenkt nun die ganze Menge dem Yovo, dem Weissen, den sie nicht kennen. Wie sie da stehen und nun ihre Trauer für zwei Männer teilen, hat etwas rührendes.

 

Blumen

 

So schnell die Menschen nebenan kamen, so schnell gingen sie auch wieder. Es kehrte Stille ein. Kränze betrachten.

 

Der Alltag kehrt ein

 

Ottos Freunde sind gegangen, auch die Nachbarn flohen der Hitze. Übrig bleiben die Arbeiter. Es wird noch abgerechnet. Der Alltag kehrt ein. Nun ruht Otto in Frieden.

  Linie grau
 

Lieber Peter,
vielen Dank für Deinen 'Fotoroman', den ich mit großer Freude anschaute. Freue mich schon sehr auf die nächste Reise nach Togo.

Schönen Tag und beste Grüße aus Berlin
Otto

 

Lieber Peter,

bei der Recherche nach Malam besuchte ich wieder mal Deine Website und entdeckte dabei Deinen Text 'Überdosierung Jesus'. Wunderbar, ich kann mir das alles sehr gut vorstellen. Peter, Du solltest öfters und noch mehr Geschichten aus dem togoischen Alltag aufschreiben und ins Netz stellen oder sonst wie veröffentlichen.

Dir einen guten Start in die Woche und herzliche Grüße aus Berlin
Otto

  Linie grau
  Otto, wir werden dich vermissen.

Graue Linie
Zur Blog-Hauptseite
Kolumne
 

home
top