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von Peter Herrmann
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Graue Linie
Das Tribunal
Avepozo Flat

 

Ein erregter Anruf meines Majordomus, der böse Schweizer fahre vor meinem Haus mit brüllendem Motor vorwärts und rückwärts und fotografiere dabei unentwegt, beunruhigte mich zutiefst und ich schaute vor das Tor. Tatsächlich. Mit bitterbösem Gesicht und einem Fototelefon heulte der Angeberjeep und ließ meine Nachbarn neugierig werden. Als er meiner gemach wurde, knipste er noch schnell ein Foto mit mir vor der Türe neben meinem Auto und haute dann den Rückwärtsgang rein um jaulend, aber warum rückwärts? von dannen zu rasen. Was war das für eine Nummer?

In Togo gibt es die eigentümliche Aufgabe eines Klägers, die Vorladung zur Gendarmerie oder zum Gericht selbst beim Beklagten vorbeizubringen. Theoretisch sollte es die Gendarmerie machen, die aber ständig überlastet ist mit dem Protokollieren von Streitigkeiten der Marktfrauen oder weil sich zwei Frauen wegen Männer oder zwei Männer wegen einer Frau gehauen haben.

IQ-Whiskeyflasche suchte jedenfalls Zerstreuung und, bevor er mich anzeigte, wollte er noch ein paar fotografische Beweise sichern, dass es mich auch wirklich gäbe. Mit Auto und Haus. Handfeste, physische Beweise. Ich selbst war ihm nicht Existenz genug.

Am nächsten Tag dann wieder ein infernalischer Lärm vor meinem Haus. Ich hörte wieder den Motor heulen, doch diesmal ein Stimmengewirr, das darauf schließen ließ, dass nun mehrere Personen sich als Angeber betätigten und mir nicht freundlich gesonnen waren. Mit der Machete stand ich hinter der Türe, als mein Telefon klingelte. Eigentlich gibts eine Türglocke. Hier sei ein Gendarm, der wolle mir ein Papier geben. Welcher Gendarm? Das tue nichts zur Sache. Welcher Name? Das tue nichts zur Sache....

Also erklärte ich ihm, er könne mich in einer halben Stunde auf der Polizeiwache treffen. Wenn er ein Papier für mich hätte, könne er es im Beisein des dortigen Chefs an mich überreichen. Weil mir die Geschichte begann, nun doch etwas Furcht einzuflößen, fuhr ich auf die Wache. Kaum dort, kam der Schweizer Intelligenzbolzen und patschte vor mir mit wichtigtuerischer Miene ein Papier auf den Tisch. Er schaute wild den Chef an, er schaute noch wilder mich an und machte kein Hehl, dass er alles Recht dieser Welt auf seiner Seite hat. Eine Anzeige. IQ-Whiskeyflasche, der mich seit Monaten terrorisiert, mehrere hundert Mal beleidigt hatte, der mich am Schwanz an der Stoßstange durch den Ort ziehen wollte, hatte nun eine Anzeige und die gleich vor dem Hohen Gericht in der Stadt. Sapperlot. Das versprach interessant zu werden.

Noch niemals in meinem langen Leben hatte ich eine derartige Anzeige bekommen und hatte auch keine Ahnung, warum ich angezeigt wurde. Da das ganze Schauspiel nun doch etwas überzuborden drohte und ich in vielen Details ungewiss über den Ablauf war, machte ich über eine Empfehlung der Hanns-Seidel-Stiftung einen Termin mit dem Chef der Brigade Anti Gang. Diese Brigade mit berüchtigter schwarzuniformierter Spezialeinheit ist in Togo zuständig für Schwerst- und Bandenkriminalität und räumte mit sichtbaren Erfolg bei der Korruption auf. Ich schilderte dem Chef meine Sachverhalte von Einbrüchen, Bedrohungen und Eskalation. Er beruhigte mich und meinte, ich solle gelöst in die Verhandlung gehen. Wenn etwas aus dem Ruder laufen sollte, solle ich umgehend zu ihm kommen und wir würden weiter sehen.

Also ging ich anderntags beruhigt in die Klamotten und präparierte mich für den großen Tag, von dem ich nicht wusste, was er bringen mag.

Doch kaum angezogen, klingelte das Telefon und der wütende Chef der Gendarmerie befahl mir, sofort zu ihm zu kommen. Nun. Es war noch eine Stunde vor der Abfahrt in die Stadt, also entschloss ich mich, seinem kurzfristigen Ansinnen zu folgen und zu sehen, was nun er gegen mich hat.

Angekommen in seinem frühmorgendlichen Hauptquartier, saß der Chef de Brigade und sein Chef de Brigade Adjointe und guckten mich ganz böse an. Setzen! Nun höre der Spaß aber auf! Jetzt wird es ernst! Was ich in Togo tue, was ich beruflich mache, ob ich verheiratet sei, warum ich sie beschuldige?

Nun war es an mir, verärgert zu sein und ich sagte ihm sehr unfreundlich und sehr direkt, er habe sich gefälligst zurückzuhalten, was bitte blökt er für einen Bockmist an mich ran? Er möge zuhören und ich rate. Die Schweizer seien hier gewesen und hätten irgendeine Info vorbeigebracht, die ganz sicher erlogen war und er sei nun darauf reingefallen.

Grund meines selbstsicheren Auftretens wurden die beiden Autoritäten zunehmend konzilianter und es stellte sich heraus, dass die bösartige Mutter des Schweizers hier gewesen sei und ein Schriftstück vorlegte, aus dem hervorgeht, dass ich behaupte, sie, die Gendarmerie, stecke mit den Dieben unter einer Decke. Was die intrigante Schlampe nicht wusste, dass ich zwei Wochen vorher mit genau diesen beiden Herren darüber redete, dass in dieser Geschichte ein korrupter Gendarm stecke, dessen Identität ich noch nicht kannte. Ich erinnerte höflich an das Gespräch, zeigte auf das Datum des übersetzten Briefs von vor drei Wochen, konnte die Verbindung von drei zu zwei darstellen und in neuer Freundschaft löste sich das vorher feindliche Gespräch auf. Solchermaßen gestellt, machte ich mich nun auf den Weg in die Stadt zu meinem gefühlt großen Termin vor dem Tribunal.

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Was für ein geschäftiger Platz. Ein Jahrmarkt der Rechte. Hunderte quirlten durcheinander. In einer riesigen Halle schienen mehrere Prozesse gleichzeitig zu laufen. Anwälte in schwarzweiß, Richter mit Perücken. Ich war beeindruckt. Und musste über eine Veranda in den 1. Stock zu Zimmer Nummer 7. Viele Menschen warteten. Pünktlich um 9 erfragte ich Eintritt. Doch wie der Chef de Brigade schon vorher wusste, hätte ich mich nicht zu beeilen gebraucht, die hätten sowieso Verspätung. Auch vom Kläger noch keine Spur, nahm ich Platz auf einer Holzbank.

Etwa eine Stunde später begann ein Schauspiel, das man nie wieder vergessen wird.

Es kam nicht nur der Schweizer. Nein, von meiner Holzbank mit Aussicht von oben sah ich sie kommen. Das ganze Gesindel von Avepozo. Es wurden immer mehr. Zum Schluss so etwa 10, die mich alle böse anschauten und mich mit ihren Blicken wissen ließen, dass es heute, zu diesem denkwürdigen Termin sie es waren, die mich für fünf Jahre ins Gefängnis brachten. Ein wenig unsicher, trotz der hochkarätigen Rückendeckung wurde ich schon ob dieser visuell geschleuderten Vorbestrafungen.

Als ich um 11 in das Büro eingelassen wurde, saß da eine Richterin, die über die Klage zu entscheiden hatte ob sie angenommen oder abgelehnt wird. Ein kleiner Raum mit vier Besucherstühlen. Auf dem linken nahm ich Platz. Rechts IQ-Whiskeyflasche der wie üblich bitterböse schaute, dann Mongo-Doppelkinn, der wie üblich aussah, als wisse er gar nicht genau was abgeht, sich aber freut dabei zu sein und daneben in trauter Dämlichkeit ebenso böse glotzend wie der Sohn, die auf der vorigen Seite schon genau beschriebene Schlange von Mutter, die dieses aktuelle Theater inszenierte. Dahinter drappierten sich die restlichen Sieben im Stehen.

Die Frau Richterin schaute, als hätte sie solch eine kuriose Ansammlung selbst noch nicht gesehen. Immer wieder an den Gestalten entlangblickend dauerte es gute 10 Minuten, bis sie sich ein Herz nahm und fragte, wer denn nun diesen Herrn da anzeigen würde? Ich, ich, ichich, Ich. Es ging in nun wilder Erregung durcheinander. Ich, ja ich auch, ich ich. ... Wie? Alle Zusammen? .... Ja wir, ich, wir, ja, alle.

Schweigen. Die Erregung unter den Anzeigenden legte sich ein wenig. Die Richterin gab leise Anweisungen an einen Mitarbeiter. Es vergingen spannende zehn Minuten. Es war ihr anzusehen, dass sie mit dieser Situation Schwierigkeiten hatte. Dann fragte sie: Ja. Wegen was denn alle diesen Herrn da anzeigen wollten? Wieder steigerte sich die Erregung wie bei einem Dammbruch: Ah. ÄÄaah. aa. Ähh, mmmh, lui la, äääh, äm. Wild ging der Versuch durcheinander, die richtigen Worte für meine Schuld zu finden, bis nach einer Weile der Besitzer des IQ in einem ganzen Satz bedeutungsvoll sagte: Der redet schlecht über uns!!!!

Dieser Herr redet schlecht über euch alle? Ja, ja, ja. Das tut er. Er redet schlecht über uns alle. Deshalb muss er bestraft werden.

 

Mir fiel fast der Unterkiefer weg. Ungläubigkeit und ein langsam hervorquellenwollender Lachanfall hielten meine Miene einigermaßen im Gleichgewicht.

Ob ich mich zur Sache äußern dürfe, fragte ich die Richterin. Doch gerne. Bitte.

Nun. Ich sei hier in Togo um meine kleine Firma aufzubauen, was mir bisher nicht wirklich glücken wollte, denn ich würde ständig von Betrug und Diebstahl heimgesucht. Vorher in Deutschland wäre ich eine angesehene Firma gewesen und hätte sogar die Ehre gehabt, den früheren Präsidenten zu beraten und noch heute suchen Parlamentarier meine Rat zu kulturellen Angelegenheiten Afrikas, auch wenn das mit der Firma noch nicht so klappt.

Dass es allerdings nicht klappt, hätte viel mit den anwesenden Personen zu tun. Jener Herr neben mir, beleidigt mich seit drei Monaten fast jeden Abend, der seltsam dreinblickende Nachbar feuert ihn an, wenn ihm der Atem ausgeht. Die Dame daneben heizte zu Beginn ihren Sohn gegen mich auf, ohne dass ich wisse, was ich ihr jemals getan hätte. Hinter ihr steht ein Rastamann, von dem die Polizei vermutet, dass er an dem ersten Einbruch beteiligt war. Daneben stehen die Zwillinge, die in Avepozo und Baguida den Ruf von Hafendieben haben und denen schon unzählige Einbrüche nachgesagt werden. Unter anderem den zweiten bei mir.

Daneben ein Übersetzer, der keinen Grund hat mich anzuzeigen und gar nicht autorisiert ist, die ihnen vorgelegten Briefe zu übersetzten. Er verfügt über nur mangelhafte Deutschkentnisse und bekam ausserdem von der schweizer Dame nur Auzüge von privaten Briefen, die sie ihrer Mutter entwendet hätte. Weshalb die Übersetzungen dem Gericht gar nicht eingereicht werden dürfen. Daneben steht ein Gendarm, der sich als bezahlte Kraft in diese Affäre eingeschlichen hätte, sich aus Gefälligkeit wichtig mache und sich am Terror des ersten Herrn eifrig beteiligen würde ...

Hier wurde ich von der Richterin unterbrochen. Wie bitte? Sie sind Gendarm. Sofort Ihre Papiere. Das dunkle Großmaul wurde abwechselnd bleich und grün, denn nun schien ihm aufzugehen, was er da die letzten Wochen abzog. Die Richterin behielt seine Papiere ein. Schaute nun ihrerseits ziemlich ungehalten in die Runde und fragte, ob die anwesenden Herrschaften das alles ernst meinten. Die anwesende Dame und Herrschaften begriffen noch nicht die Ausweglosigkeit ihres Ansinnens und wieder, der nächste Dammbruch, schwallte es: ja, ja, oui oui, der muss bestraft werden, der redet schlecht über uns.

Ruhe! An mich gewandt sagte sie: Bitte, schreiben Sie besser keine Briefe mehr und Sie, sie alle, sie gehen jetzt nach Hause und lassen diesen Herrn in Ruhe.

Welch ein Inferno. Die schweizer Altmatrone wollte die Übersetzungen über den Tisch schieben, die alles beweisen, wie schlecht ich über sie rede. Der Rastamann brabbelte von Gefängnis, Mongo Doppelkinn durfte auch Töne von sich geben, IQ war höchst erregt, wie konnte ihr Anliegen abgewiesen werden? Nach nochmaligem Hinaus !!! , lassen sie diesen Herrn in Ruhe, begann sich langsam ein Einsehen breit zu machen, dass man wohl in der Sache verloren hätte.

Avepozos internationaler Trupp von Alkoholikern und Bananendieben schlich sich. Nur der Gendarm musste noch bleiben. Ich gönnte mir, mit nun freiem Atem, noch ein wenig vor der Türe zu warten, bis er von der rüden Verwarnung der Richterin entlassen wurde. Als er an mir vorbeischlich, konnt ich mir den kleinen Triumpf nicht verklemmen und raunte ihm zu, wenn ich ihn noch einmal unangenehm vor mir auftauchen sehe, hänge ich im die Brigade Anti-Gang an den Hals, worauf er im Zeitraffer noch einmal die bleich-grünliche Verfärbung bekam.

Ah. Tat das gut.

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Doch es sollte noch nicht das Ende gewesen sein. Der Unterhaltungstrieb der beiden Alkoholiker war noch nicht gestillt. Des Abends, als ich mit Kollegen bei einem kleinen Essen saß, heimsuchten Sie mich in jenem Lokal. Er, IQ, wolle mit mir reden. Hinter ihm, Mongo Doppelkinn, Sturzbetrunken.

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