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von Peter Herrmann, ab dem 13.3.2017

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Die Wendung
 

Sturzbetrunken in bedeutungsvoller Haltung setzte sich der Handwerksknecht Herr Enrico des Sonntags abend im März an den Bambustresen der Bar meines Vertrauens. Da ansonsten nur Herr Leopold und ich da saßen, konnte es sich also um keine Verabredung mit irgendjemand handeln sondern es suchte, in alter Tradition, der Herr IQ-Whiskeyflasche meine Nähe. Als er die ersten Töne von sich gab, bat ich ihn mich bitte nicht zu belästigen, da ich keine Konversation mit ihm wünsche. Sichtlich geknickt schmollte er ein wenig vor sich hin und bestellte noch einen zweiten doppelten Anisalkohol, den er ungefähr so schnell in sich hineinschüttete wie den ersten. Dann zog er eine Hornbrille auf, die hauptsächlich dazu dienen soll, ihn nun intelligenter als 42 % Prozent zu machen. Auch die Schnarchgeräusche in der Sprache versuchte er bei seiner ersten Ansprache zu glätten was eine Art versuchtes, etwas verbogenes Honorenschweizerisch vortäuschen sollte. Er klärte die Besitzerin über die Bedeutung von viel Wasser trinken auf und versuchte dabei, sehr belehrend zu wirken. Es dauerte lange und hatte sogar ein Pointe die darin bestand zu erklären, dass ja schließlich auch viel Wasser in Bier wäre. Was ihm dabei egal war, dass wir vorhin zu dritt dieses Thema in aller Ausführlichkeit schon besprochen hatten. Das Lehrerhafte bekam also eine schwere Note hinein ins Unnütze und Langweilige. Ein wichtiger Unterschied in der Behandlung des flüssigen Themas bestand denn auch darin, dass wir vorher nüchtern darüber redete, er aber stehend schwankte und die Sprache des Knechts nach einem dritten Doppelten ins lallende ging.

Still ließen wir die laute Stimme über uns ergehen. Blicke wechselten. Die vorher gute Gesprächsstimmung war schon dahin und alle warteten, was wohl als nächstes kommen würde. Das Schweigen zog sich hin und in dieser besinnlichen Form stört auch der Krächz nicht.

Doch es kam wie es kommen musste. Warum ich ihn eigentlich in meinen Berichten einen Pädophilen nennen würde? Hätte ich nicht. Dochrrrr hast du. Hab ich nicht.

Waren die ersten Gründe seiner Beleidigungen, der aufmerksame Leser erinnert sich, dass ich schlecht über Herrn Rainer geredet hätte, dann seine Freundin beleidigt, dann, dass ich zu seiner Mutter Nutte gesagt hätte und nun bekommt das neue Kapitel auch einen neuen Grund. Wir begreifen den Denkrhythmus. Herr Enrico benötigt etwa einen Monat intensives Gestänkere, bis er merkt, dass sich die Anschuldigungen nicht aufrecht erhalten lassen. Dann denkt er zwei Wochen nach was als nächstes Argument stichhaltig in den tropischen Raum geworfen werden kann und dann entwickelt sich der Drang, mir dies in Verbindung mit Prügel androhen mitzuteilen. War er vorher der großherzige Verteidiger der Ehre anderer, kommt nun, als letzter Trumpf, er selbst ins Spiel. Ich Sau hätt Padophiler geschrieben.

Auf meine vorsichtige Anfrage, ob er mir mitteilen könne wo dies stehen soll konnte er keine Antwort geben sondern haute, ganz die Mama, sofort und brachial in den Satz hinein. Er wolle keine Widerrede, er wolle nur diskutieren. Ich solle mein Maul halten, er will sich ja nur austauschen. Wenn ich nicht die Schnurre halte, muss ich halt auf die italienische Art beseitigt werden. Herr Leopold bemerkte meinen hochkochenden Zorn und gemeinsam mit der verwunderten Besitzerin ermahnten die beiden Togoer mich zu Stille und Herr Leopold versuchte, dem immer lauter und unverschämter werdenden, das Wort zu entnehmen. Doch der kam nun in Fahrt. Betrüger sei ich. Er sage nur Kongo. Hä, ob es bei mir läute? Kongo! Koo ho ngo! Er lehnte sich wie ein Cowboy stehend an den Tresen. Glotzte durch dickes rahmendes Horn und war sich sicher, mit diesem Rätsel sei er auf der Seite der Wissenden.

Warum ruft bei mir Herr Enrico nur immer die Assoziation hervor, dass er im Besitz eines meiner geklauten Computers sei, der im Standby-Betrieb abhanden kam. Abhanden bei Einbrüchen, die laut Verdachts der Gendarmerie von nächtlichen Schleichern aus seinem direkten Umfeld kamen. Nur einmal, vor zehn Jahren, war ich im Kongo und hatte in Pointe-Noir im Centre Culturel Francais eine Ausstellung, bei der einer der zwei Künstler, mit nigerianischen Vorfahren, seine Bilder hinter meinem Rücken ohne meinen Anteil verkaufte. Es gibt also eine Verbindung von Kongo und Betrug. Der eindeutig Betrogene war allerdings ich. Da ich ja nun schon weiß, dass Herr Enrico auch der Großmeister von 180-Grad-Denkwendungen ist, muss mein Gedanke an seine Beteiligung der nächtlichen Besucher fast zwanghaft entstehen. Kooo hongo ! Hä!

Für einen Moment kam mir sehr plötzlich meine Contenance abhanden. Ich brüllte den Schwachmaten an, dass es eine deutsche Journalistin gewesen sei, die ihn in Zusammenhang mit einer Kinderpornobande gebracht hätte. Ich hätte auf ihrem Blog in meinem Kommentar sogar ihn, Herr Enrico, insofern entlastet, dass ich geschrieben hätte, dass Alkoholiker, wenn sie andere Alkoholiker nicht mehr mögen, von denen dann immer herumerzählten, dass sie es mit Kindern haben. Ich aber noch nie in Avepozo von einem Kinderpornoring gehört hätte. Doch das war für einen Sonntag vollgeladen mit Alkohol zu kompliziert. Brüllen war nun sein Element. Nur die erste überraschte Minute meines 95 Kilo schweren Resonanzkörpers für dröhnenden Bass erlaubte eine freie Rede, dann fiel er mir wieder ins Wort. Ich soll das Maul halten, ich hätt Pädophiler über ihn geschrieben.

Ich gab auf. Die schöne Togoerin Martine und der gebildete Herr Leopold bedrängten mich, wieder auf normalen Blutdruck zu kommen. Ich setzte mich und schwieg entnervt. Nun tobte Herr Enrico. Herr Leopold versuchte zu beschwichtigen. Er werde mich beseitigen lassen. Er hätte tausende von Euro für die Übersetzung meiner Geschichten ausgegeben und ich werd dafür im Knast landen. Ich Sau hätte Pädophiler geschrieben und Sie, ja du, da drüben, du hälst jetzt auch dein Maul.

Au weh. Da ist jetzt der Herr Enrico aber ganz dumm reingelatscht. Ich drücke es mal nicht ganz korrekt so aus: Herr Leopold, der ständig versuchte Herrn Enrico zu beruhigen, ist ein hoher Polizeibeamter einer Abteilung die keine Uniformen hat. Herr Leopold wurde nun seinerseit laut. Der Herr, den ich bisher nur als distinguierten Gesprächspartner kannte, hatte plötzlich eine Autorität in der Stimme, mit der ich den sonst leisen Mann noch nie hörte. Was er sich erlauben würde? Ob er, der vom Alter sein Sohn sein könnte noch bei Sinnen sei? Ob er die Bedeutung von Maul halten bezogen auf ihn ermessen könne? Seinen Gesprächspartner italienisch beseitigen lassen? Nun soll er aber Acht geben.

Herr Enrico 42 % begriff durch einen Anisnebel hindurch, dass hier etwas für ihn schief gelaufen sei. Er rannte um das U der Bar herum, griff mit seinen Pfoten die Hand des anderen. Es sei nicht so gemeint. Er, Enrico, sei etwas ganz besonderes. Anders als alle Anderen könne er sich nämlich entschuldigen. Er legte die ganze linke Pratze um den Herr Leopold herum und drückte den Sitzenden in seine verschwitze Achsel. Aua, wie das wohl stinken musste? Dann hielt er sein Gesicht etwa 6,5 Zentimeter von dessen Gesicht, stieß während des Redens leicht seine Stirn an Stirn und besiegelte eine neue Brüderschaft. Sie hielt nicht lange, denn sie war untermalt von ganz erheblichem Mundgeruch. Gute fünf Minuten hauchte und schnaufte er den armen Herr Leopold zu, dem dies sichtlich unangenehm war. Ich bewundere manchmal die Geduld von Togoern, eine unangenehme Situation einfach auszusitzen.

In diesen fünf Minuten der gehobenen Widerwärtigkeit musste ich über Freundschaft nachdenken. Bei jeder Gelegenheit gröhlt der wenig denkende Knecht herum, ich hätte keine Freunde. Warum ihm das seit drei Jahren so wichtig ist, lässt sich eigentlich gerade durch eine solche Situation erklären. Besonders unangenehm in meiner Galerietätigkeit waren die Momente, bei denen während einer Veranstaltung nach dem dritten Glas ein teutonischer Underdog in Schlabberklamotten seinem neben ihm stehenden Neger in Anzug und Krawatte zeigen musste, dass er der Kumpel aller Unterdrückten sei. Genau jene Umarmungsstrategie, bei der Achselschweiß den schönen Anzug versalzte soll die Untermalung dieser fragwürdigen Geisteshaltung sein. Das größte Rassistengesockse turnt immer bei den sich für irgendwie links haltenden Kiffern und Junkies herum, die besoffen oder bedröhnt jeden Afrikaner für einen Strandrasta halten.

Herr Enrico hat seinerseits nämlich kaum Freunde. Er hat unzählige Menschen unter seinen Achselschweiß gezwungen und glaubt, diese Art von Austausch hätte irgendwas mit der Blutsbrüderschaft von Winnetou und Old Shatterhand zu tun. Dass er ihre Hand grabscht und fünf Minuten wie ein Schraubstock nicht mehr loslässt, sei die Besiegelung. Dass er dabei nach Bier und Schnaps stinkt wie ein Getränkeauto nach einem Auffahrunfall stört ihn wenig, ist er doch berauscht von seinem guten Willen. Hin und wieder bekommt er eine Träne der Rührung, während unter seiner Achsel ein Togoer nach Luft schnappt.

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Nachdem also mein schönes altes Daimlerauto sehr vermutlich von einem den er für seinen Freund hielt abgefackelt wurde, den Herr Enrico zwar angestachelt hat, aber sonst von nichts wusste, gingen vier Wochen vorüber in denen er das überall beteuerte, überall zur Untermalung Achselquetschte und freundschaftlich alle anhauchte, bis er merkte, dass es alle langweilte und sein giftiger Odem anwiderte. Dann noch zwei Wochen, bis er auf die Idee mit pädophil kam. Sein vermeintlicher Freund möchte ihn übrigens nicht mehr sehen, was mir Herr Enrico im Überschwang in der Bar ebenfalls vorwarf. Ich würde seine Freundschaften zerstören, dann daran kann nur ich schuld sein. Wie auch immer. Um die neue Situation besser zu verstehen geht die Zeitreise wieder zurück.

In der Zeit nach dem Abgesang auf unseren allseits bekannten Wurstmacher gab es pietätvolle Entrüstung. Da nun mittlerweile diese Welle abgeebbt ist, kann von dort ausgehend nun ein neues Kapitel folgen. Interessant in Gesprächen war wohl, dass die größten Lumpen auch den größten Anspruch von Moral von sich gaben. Vermutlich, weil sie selbst die Hölle ahnten. Wer den Wurstmacher kannte, müsste eigentlich wissen, dass er seinen Lebensabschied ungefähr mit eben jenem Zynismus kommentiert hätte, den ich ihm deshalb nachrief.

Wir wissen doch alle, dass nirgendwo so viel gelogen wird wie bei einer Beerdigung. Herr Rainer war nicht mehr, was wir einen guten Menschen nennen. Vermutlich war er das nie. Nur. Was ist das schon? Gut? Was er auf alle Fälle war, war ein Original. Selbst nach seinem physischen Verschwinden bleibt er uns erhalten, wird ein bisschen unsterblich durch Avepozo Flat und er bestimmte noch eine ganze Zeitlang die Gespräche. Posthum kommen dann auch so Dinge ins Spiel, dass er, befallen von der Fäulnis an den Beinen, trotz einer Diabetes sich weder wie empfohlen die Beine abnehmen ließ, noch seinen desinfizierenden Konsum dämmte. Er blieb aufrecht bis zum Ende und soff in idyllischer Gegend am Strand bis zum finalen Bier. In Deutschland hätten sie ihn in ein Krankenhaus verknastet, ihm die Haxen zwangsabgeschnitten und ihm den Alkohol verboten, weil er an dem sterben könne und hätten seine Leiden doch nur auf Staatskosten für drei Monate in die Länge gezogen.

Er ließ sich von Niemand helfen und ging niemandem auf den Zeiger mit seinem Leiden. Hat was, so was. Fuck Haferschleim im Hospiz.

Viel zu kurz in den Geschichten kamen bisher die Indigenen. Togoerinnen und Togoer, Ivoirer und ihre Innen, die aus dem Niger kommen oder die nur broken Nigerian können. Darum kommen nun ein paar erzählerische Ausflüge dahin, wo auch sie ein Rolle spielen.

Wie die Geschichte vom Togoer, muskulöser Ringer in der Bar meines Vertrauens, der nach drei Monaten in Deutschland erkennt, dass man über den Monat für alles mögliche was den Deutschen nicht gefällt, ein Papier bekommt. Alles was er erzählte in einer Sprache, die zwar französisch ist, aber auf indigen voll verbogen rüberkommt. Wenn dann also am Monatsende das Geld fürs arbeiten bekommen hätte und man alle Papiere bezahlt hat, bleibt aber nichts vom Geld vom Arbeiten übrig. Er hätte so die Schnauze voll gehabt, dass er nach dem dritten Monat seinen Sack geschultert hätte, nicht mal seinem Cousin auf Wiedersehen sagte, losmarschierte und irgendeinem Deutschen eine ins Gesicht gehauen hätte. Das sei eine tolle Methode sagt er. Hätte er in Spanien nach Tomaten pflücken auch schon gemacht. Weil du illegal bist schnappt dich die Polizei und setzt dich in den nächstbesten Flieger nach Afrika. So wäre er umsonst mit Lufthansa bis Lagos gekommen und von dort mit 2.500 CFA nach Contounou. 4 Euronen. Das sei sehr preisgünstig um nach Hause zu kommen und die Deutschen hätten echt einen supertollen Service. Wollt ihr noch ein Bier?

Sehr entspannt über die neue Situation, dass nach Wurstmacher Rainers weltlichem Abgang zwei seiner engsten Freunde von früher auftauchten, folgten wir meiner ivoirischen Ex an einen kleinen Strand, den sie als Geschäftsführerin leitete. Das hört sich groß an, ist es aber nicht. Eine genagelte Bude, der Strom geklaut vom nächsten Anschluss, ein handgemaltes Schild und fertig ist zum Beispiel eine Batterieladestation. Der die Klemmen anschließt ist DG. Gesprochen De Sche. Das heißt Directeur General und verbindet. Auch ich bin De Sche. Meine Ex war jedoch nur Geschätsführerin und auch nur kurz. Also hierarchisch unter DG aber über Bedienung und Nachtwächter. Dieser kleine Strand der einem Gendarmen im Ruhestand, also knapp über vierzigjährig, gehört, liegt neben drei von Europäern betriebenen Stränden. Diese drei Strände gehen ganz famos, der togoische geht eigentlich gar nicht. Er hat kein Klo und keine Umziehkabine, ein paar genagelte, mit Basthaube überzogenen Hütten und Plastikliegestühlen, von denen die Hälfte ein wenig kaputt waren.

Standen auf den Parkplätzen der drei anderen Strände viele große, von vier Rädern getriebene, meist schwarze Ungetüme mit chromiertem Rammbock der Europäer, Libanesen, Chinesen und togoischen Neureichen, kamen die Gäste des kleinen Strandes auf dem Moped zu dritt und setzten sich meist neben den eigentlich gastronomischen Bereich, damit sie das teure Bier und Limo nicht kaufen mussten. Die meisten kommen nur um ein wenig Wasser zu gucken. Wenige gehen hinein, denn alle sagen, das Meer sei hier sehr gefährlich. Vor dem Strand zieht sich in zwanzig Metern abstand parallel ein Riff, an dem sich sich die Wellen ein erstes Mal brechen und mit kleineren Wellen entsteht so eine Art Badewanne.

 

Links also, neben dem Ramatou und Coco Beach lag ich so auf dem Rücken in den Wellen und schaute den Mond an der am spätnachmittaglichen Himmel stand. Eine halbe Minute? Eine Minute? Jedenfalls zog es mich in unglaublich kurzer Zeit weg vom Strand ins offene Meer. Das ist nicht ganz unspektakulär wegen dem doch sehr gefährlichen Riff. Da wenn es einen mit den falschen Wellen draufhaut kann man Knochen sammeln. Das Riff schaute eigentlich oben raus. Wie ich da ohne es zu sehen und zu spüren drüber kam, bleibt ein Rätsel.

  Am Strand
 
Sieht ganz harmlos aus, das Wasser in Baguida
 

Jedenfalls sehe ich plötzlich den Strand weit weg und versuche zurückzuschwimmen. Noch ganz gut in Form, aber doch nicht mehr gut trainiert. Nichts mehr zu machen. Fünf Minuten mit aller Kraft, bis ich einsah: jetzt ganz cool. Ich schaute draussen nach Schiffen, hielt den Kopf oben, versuchte ein paar Mal zum Strand zu winken, glaubte aber nicht gesehen zu werden. Ich wusste noch als Rettungsschwimmer von vor vierzig Jahren, dass die Strömung irgendwo anders wieder in Richtung Strand geht. Also ruderte ich ganz leicht um rauszukriegen wie die Strömung läuft, hatte aber überhaupt keine Ahnung mehr, wie weit meine Kondition reicht.

Doch siehe da. So nach 10 Minuten tauchte plötzlich ein junger, äußert muskulöser Togoer auf, der mich mit festem Griff am Oberarm ziehen wollte. Ich lehnte dankend ab, sagte ihm aber, dass ich mich über sein Kommen freue, denn es sei ein wenig einsam hier. Dort müsste ich rüber, da drüben müssten wir über das Riff kommen, meinte er. Kurze Zeit später tauchten noch zwei auf, die eine riesige Holzplanke schoben. Drei Meter lang, achtzig Zentimeter breit und zwanzig Zentimeter dick. Sehr robust und brachial schwer.

Es wurden acht. Sie meinten, ich solle mich auf das Ding drauflegen. Doch irgendwie kam mir die Furzidee, dass die Kolonialzeit vorbei wäre und schob mit ihnen schwimmend gemeinsam das riesige Ding nach Richtung da drüben. Nun, da ich mich festhalten konnte, fühlte ich mich zurück im sicheren Leben.

Hei Mann, dann kam das Riff. Die schrien und brüllten durcheinander. Ich soll mich da drauf legen, auf den Bauch. Immer wieder kamen wir dem Riff nahe, drei tauchten ab, stießen die Planke wieder zurück, alle brüllten auf Indigen durcheinander. Ich lag auf dem Bauch. Da plötzlich. Ein Riesengeschrei und alle acht stießen die Planke in eine große Welle. Hei Mann. Ich mit der Planke als Starsurver in der Welle. War das geil. So was hatte ich noch nie. Vor Publikum. Am sonst doch verhältnismäßig einsamen Strand hatten sich mittlerweile um die dreihundert Leute eingefunden, die die Rettungsaktion beobachteten.

Mit umgerechnet zwanzig Euro, minus zwei Bier für mich, also alles was in der Tasche war, feierten die Fischer einen schönen Samstagabend. Sie kannten die Strömungen und wie man unbeschadet übers Riff kam. Das riesige Brett war, wie sich herausstellte, öfters im Einsatz. Nun erfuhr ich auch von toten Einheimischen und genauso toten Europäern, die einfach mal weg waren. Der alte Freund von Rainer war mit mir im Wasser, aber fünf Meter näher am Strand. Er merkte wie es zog, stand aber noch auf festem Boden und sah, wie ich lächelnd nach oben guckend von dannen reiste.

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Doch noch nicht alles. Auto abgefackelt und Wellensurfen. Es brauchte noch eine dritte Geschichte, damit das neue Jahr gut begann. Wissen Sie, geehrter Leser, dass in Afrika mehr Menschen von einer Kokosnuss erschlagen als von einer Schlange tödlich gebissen werden? Ob es wirklich stimmt, bleibt ungeprüft. Fast wäre ich jedoch der statistische Beweis geworden. Vor zwei Jahren von der Palme gefallen, zog ich nun eine andere Methode vor.

  Kokosnuss holen
 

Mit einer langen Bambusstange und sehr viel Gefühl für Stabilität der Hängung und Reifegrad muss man die Kokosnuss so erwischen, dass sie beim Runterfallen keinen Blumentopf erledigt. Diese Methode erfordert ein wenig so gennannten Schmackes, denn es klappt niemals auf Anhieb. Da ich Kokoswasser für so gennanten Schmackes aber brauche, muss die Nuss unter meine Machete.

Schon reichlich in Übung war ich also wieder am Nachschub holen. Doch diesmal kam alles anders. Ich erwischte eine Nuss und staunte nicht schlecht. Statt einigermaßen gradlinig herunterzuplumpsen, begann das Teil an meiner Stange entlangzuholpern. Wenn man das wollte, würde man das niemals hinbekommen. Von vielen Metern oben herab immer Holter die Polter auf der Stange lang. Nicht links, nicht rechts. Nein, wie von Zauberhand auf der Stange. Ich staunte so enorm, dass ich wahrscheinlich ziemlich dumm schaute. Dann macht die Kokoswaffe einen Hüpfer und wollte auf meinen Kopf hüpfen. Im letzten Moment kam ich aus der Staun- und Schockstarre und dreht mich noch kurz weg. Sackradi. Ging mir das Ding auf den Oberarm. Das müssen Sie spüren. Wenn zweidrei Kilo auf den Arm plumpsen. Glücklicherweise nicht frontal wie es mit dem Kopf gewesen wäre, sondern im Winkel. Da wird der Muskel dicke.

Ein paar Tage später riss die Nabelschnur einer Kokosnuss als ich sie ins Auto tragen wollte. Nur von vierzig Zentimetern auf den Fuß. Aber Hallo. Da denkt man, vielleicht doch wieder auf Äpfel umzusteigen.

So also begann das Jahr der Götter 2017. Vielleicht wird es eines Tage wieder was mit der Kunstvermittlung? Mit so viel Ablenkung wird es jedoch schwierig. Waren danach die Abenteuer aus, ging es auch schon wieder los mit den gelangweilten Hauptdarstellern von Avepozo Flat.

Herr Rainer hätte also ein Daimlerfahrzeug erhalten sollen und konnte es nun nicht mehr in Empfang nehmen. Dieser Umstand suchte eine versöhnliche Überraschung. Die Geschichte musste rund werden. Das Auto war wie ein Voodoo-Fetisch. Es war ein Wink, ein Schicksal. Diesselben Götter, die mich mit Glück im Unglück prüften forderten eine erneute Entscheidung. Der alte Daimler von Herrn Rainer durch seine Rächer in Flammen, konnte eigentlich nichts besseres passieren, als dass ich nun, erheblich modernisiert und klimatisiert mit dem Geiste des Herrn Rainer in Frieden scheide. Und die Schweizer saudumm aus der Wäsche schauen lasse, denn das würden sie nun gar nicht mehr begreifen.

Obwohl der Hafen in Lomé voll mit sehr preisgünstigen Fahrzeugen steht, von Libanesen sehr sehr günstig angeboten, denn nicht Gewinn ist vom Verkauf angestrebt, sondern Waschung von Geldern aus anderen, weitaus lohnenswerteren Geschäften, sollte es der Mercedeswagen des Herrn Rainer werden.

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In Kürze geht es weiter

Juni. Nun. Wer einmal einen Transit zuerst mit Uranus und dann mit Pluto durchgemacht hat, der weiß, was Chaos bedeuted. Daran gemessen, ist dieser Bruch hier nichts. Gar nichts. Das Chaos schlug unerbittlich zu und verhinderte so ziemlich alles, was mit konzentrierter Arbeit umschrieben werden könnte. Ich mache also vorläufig mit dieser Seite und dieser Geschichte Schluss um irgendwann wieder anzuknüpfen. Doch vorläufig und bis dahin gibt es neue Anekdoten. Frauengeschichten. Dafür verzeihen sie mir doch sicher meine Sprunghaftigkeit und werden genauso ? Springen Sie zur nächsten Seite. Und irgendwann wieder hierher. Das Internet lässt vieles zu.


nix
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