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von Peter Herrmann, ab dem 17. Februar 2018

nix
Gar nicht wehleidige Rückblicke

Korruption

Musik

Es gibt so Tage

Arbeit

Es ist ein wenig wie auf Werbefotos der Computerindustrie. Man sitzt im idyllisch Freien, unter riesigen Bäumen im Schatten, damit man den Bildschirm auch erkennen kann und schreibt. Dann denkt man an Beamte vom LKA in Berlin, die in lausigen, verstaubten Büros zwischen Kunstgerümpel hocken, irgendwo liegt eine Maske mit einer echten Unterschrift von Pablo Picasso herum, die sie als Fälschung falsch erkannten, für die ein Gynäkologe ein kleines Vermögen umsonst bezahlte und ihre Computer stammen aus dem IT-Neolythicum. Dann klopft ein Herr Dr. Schlothauer an und erzählt dem zivilen Bullen, dass der, der da fern unter Bäumen sitzt, sehr verdächtig für alles mögliche sei, weil er immer umziehe.

Ja, lieber Leser. Umziehen macht einen Alemanen so verdächtig wie wenn ein Dunkler geht. Deshalb hatten sie schon so schon einen Berliner Trojaner verpflanzt, aber er geht nicht, weil dem Alemanen sein Computer ja von einem theoretisch schuldig Rennenden geklaut wurde. Weshalb ich Afrika liebe, weil die so viele Pläne durchkreuzen.

Der Staatsbeamte, der auf seinen Urlaub spart, war ein akkurater Vermerker. Er vermerkte, dass ein Herr Horstmann ebenfalls den sehr wichtig betonten Verdacht äußerte, dass vieles Umziehen und Galeriewechsel an sich schon verdächtig sei. Für was, steht da nicht, doch für viele Zöllner dieser Länder dieser Erde war ich auch schon verdächtig, weil ich zuwenig Geld für Friseur ausgeben würde. Ich bin also ein chronisch Verdächtiger. Was in deren von Currywurst synapsenverklebtes Hirn nicht passt, dass ein solcher Mensch die beste Buchhaltung hat, nie Drogen von A nach B brachte, Ausfuhrpapiere vorbildlich erledigte und Frauen nie vergewaltigte. Glauben aber einem kriminellen Waffenhändler, der in Tarnfirmen beschäftigt war, denen man Steuerhinterziehungen in knapper amerikanischer Billionenhöhe nachsagte.

In den Neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als erster Galerist weltweit im weltweiten Netz, erkannte ich die tolle Möglichkeit eines Internet als statisches Element. Man kann den Platz seiner analogen Aktivitäten beliebig verlagern und wenn sich nach Unterschrift auf einen Mietvertrag mit möglichst kurzer Dauer der Vermieter als Volltrottel herausstellt, belässt man ihn in seinem bedauernswerten Zustand und macht sich vom Acker. Vergrößert und verkleinert sich, je nach persönlich konjunktureller Lage, ganz legal. Wer was von mir will, geht auf die statische URL und sieht da, was der quirlige Kleinstunternehmen und Künstler wie und wo macht.

  So sieht der geschäftliche Teil des Wohnzimmers aus
 

Aktuell die große Faulheit inklusive reichlich Damenbesuche und schönes Leben mit Blick auf den Atlantik. Alte Bronzen aus Nigeria und Skulpturen von Paul Ahyi, Zwiebeln, Fruchtpresse, Knoblauch, Mörser, etc.

 

Während Mann dies schreibt, machts wieder Pling und eine Sprachnachricht kommt. Der Stelzenmann spricht und sagt, er sei nun in Chile. Ob ich ihn fragen soll, ob das mit einer schönen dicken Frau in Deutschland noch aktuell sei? Er mache dort Carneval und sei mit seinen Stelzen dorthin eingeladen worden. Afrika ist gerade schwer gefragt. Mann oder Frau muss nicht etwas gut können, sondern authentisch afrikanisch sein. Das genügt.

Ein Schuhputzer läuft vorbei und stört meine kontemplative Schreiberei durch Klopfen mit einem Holzstab auf eine Holzschachtel. Wegen diesem Lärm lasse ich gerade eben und erst recht nicht meine Schuhe putzen. Das nennt man in Deutschland die Macht des Verbrauchers, was dem Schuhputzer aber egal ist.

Eine kleine Sojaspießchenverkäuferin, die mich an ein wunderschönes Model im weltweiten Netz erinnert, schafft es dadurch mir ein paar Stäbchen ihres Angebots zu verkaufen. Ich bin mal vorsorglich sehr nett zu ihr, um das traditionelle Rollenverhalten zu zementieren. Denn wenn sie noch etwa drei Jahre älter ist und ich dann immer noch unter diesen Bäumen sitze, werde ich sie wohl vernaschen wollen. Dann werde ich ihr was von Anarcho-Syndikalismus, der freien Liebe und vielleicht auch von der Schönheit der Sahara erzählen bis ihr kleiner Kopf schwurbelt. Ich werde ihr nicht erzählen, warum ich bei Berliner Geisteswissenschaftlerinnen nicht mehr so gut ankomme.

Eine nun ganz kleine Verkäuferin von Holzstäbchen zum Zähne polieren ist traurig, weil ich, he, noch eine, nichts von ihr kaufe. Zu ihr bin ich nicht ganz so freundlich, weil bei ihr würde es noch zehn Jahre dauern bis ich mich auf sie einlassen wollte. In zehn Jahren immer noch unter diesen Bäumen? Das ist nun too much and not metoo.

Warum lachen indigene Männer hier immer im Falsett? Ist ihnen das bei Afrikanern auch schon aufgefallen? Mit klarem Tenor oder sonorem Bass in der Erzählstimme, lachen sie als erste über ihren eigenen Witz mit verklemmtem Hals. Da gibt es nichts mehr zu konzentrieren wenn man mit seinem Computer in der Nähe sitzt. Dann die vielen Kinder. Fast alle unglaublich nett in ihrer Art, Nichtgeisteswissenschaftlerinnen würden süüüßß sagen. Ein Ball kommt angerollt und zwei Jungs sind ganz geknickt und haben Angst, dass man sie schimpft. Glücklich, dass man ihnen den Ball zuwirft, hat man zwei neue Freunde. Alltag in Avepozo.

Doch es gibt:

nix
Korruption
 

Laut allen Organisationen in denen gute Europäer und ihre Beherscherinnen Gutes tun, ist Afrika von vorne bis hinten mit Korruption gesegnet. Keine Amststube, kein Uniformierter derdie nicht mit offener Hand oder deutlichen Sätzen nach einem Bakschisch bittet und bat, so dass man wusste, sich dieser Bitte nicht entziehen zu können ohne schwer wiegende Folgen zu provozieren. Verträge wurden mit dem teuersten Anbieter geschlossen, weil der am großzügigsten hintenrum verteilen würde.

So war auch Togo. Noch in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts rumpelte man durch Schlaglöcher zwischen Avepozo und Lomé in mindestens fünf Polizeikontrollen. Bei der einen hätte man nicht geblinkt, bei der anderen zu weit vorne angehalten, bei anderen war die Farbe der Scheinwerfer falsch und der nächste behauptete, man hätte ihn als Autorität nicht anerkannt. Während ein einheimisches Schrottauto ohne Blinker nach dem anderen winkend durchfuhr, weil die ihre Monatspauschale schon entrichtet hatten.

Unterschiede zwischen anglophonen und frankophonen Bullizisten gab es. Angenehmer waren die anglophonen. Die stellten sofort und unumwunden die Frage, was man ihnen denn heute mitgebracht hätte. Kein langes drumrum sonder pfeilgerade zur Sache. Die frankophonen machten immer den Eindruck, als hätten sie einen Minderwertigkeitskomplex. Zuerst erfanden sie etwas sehr dämliches und wenn man sie irgendwann nur leicht korrigierte, latschten sie mit den Papieren von dannen, um einen zuerst mal warten zu lassen. Sprach man sie auf das Kapitel Problemlösung an, wurden sie noch dämlicher, denn nun bliesen sie sich auf, man wolle sie, die Autorität, die Unbestechliche, bestechen um sie nachher, nach Versöhnungsritual, doch auf die Hand auszubezahlen. Wo man heute auf Straße problemlos an einem Stück in wenigen Minuten fährt, dauerte früher auf diese Weise der Weg von 15 Kilometer durchaus mal drei Stunden und wenn man Pech hatte geschah, was dem Autor vor Kurzem, trotz aller offensichtlichen Besserungen, wiederfuhr.

Statt umgerechnet die etwas standartisierte Summe von 3 Euro Wegzoll zu bezahlen, war der Autor schlecht gelaunt, es gab Geschrei und die Papiere waren weg. Doch der Klops kam noch und der war völlig neu. Eine Anzeige wegen, aufgepasst: Korruption !

  Strafzettel
  indigener Strafzettel in der Sprache der Kolonialisten
 

Korruption wegen 2 Euro 30 Cent.

Zwischen zwei Autowerkstätten kam eine Kontrolle, bei der der Chef umgehend auf dem Kleber der Windschutzscheibe erkannte, dass der TÜV abgelaufen sei. Anfangs wollte ich dem Hanswurst noch erklären, dass dieser Zustand deshalb zustande kam, weil seit Wochen mein Getriebe wieder einmal im Notlauf nur im zweiten Gang ginge. Statt Mitgefühl zu zeigen um in meiner Not in einer humanen Dimension der Forderung zu verweilen, raunzte der gefühlte Depp mich blöde an. Ohnehin gereizt an diesem Tag, wusste ich, es würde eskalieren wenn ich diskutiere, bat ihn also höflich, mir einen Strafzettel auszustellen. Die schärfsten Kontrollen sind Freitags, wegen Wochenende wegen Feiern die man feiern möchte oder am Monatsende wegen den Frauen zuhause, die ihrem Nichtsnutz klar machten, rigoros für Ordnung auf der Straße zu sorgen, damit auch Ordnung in die Haushaltskasse käme.

Meine Kontrolle war Freitag. Wenn da einer muckt, ist Führerschein und Zulassung bis Montag weg, weil der Chef vom Chef der Kontrolle Freitags bereits im Wochenendmodus schläft und keine Audienz mehr gibt.

Ein Untergebener musste nun die für diesen Tag sehr ungewöhnliche Bitte nach einer legalen Strafe umsetzen und füllte den oben abgebildeten Zettel sehr sehr sehr langsam aus, um der Angelegenheit die Möglichkeit einer Wende zu geben. Doch ich blieb stur und weitere 10 Minuten wurden Legba, dem Gott der Straßenkreuzung, geopfert. Während also der Geldabnehmlehrling schrieb und ich mit meinem Mechaniker am Steuer ein wenig plauderte, bat der mich, ihm für nachher jene später auf dem Zettel erwähnte 1.500 indigen Franken für eine Taxifahrt zu geben. Für mich nicht sichtbar, stand hinter dem Beifahrerfenster der Chef und schaute seinem Adlatus zu wie er auf der Motorhaube aufgestützt ganz laangsam schriiiiieeeeeb. Als ich die Brusttasche fasste um diesen Kleinbetrag dem Fahrer auszuhändigen hörte ich von hinten: Jetzt haben wir ihn. Er wollte die Autorität bestechen. Aufschreiben !!

Da nun Papiere schon weg waren und in dieser Situation ein Gespräch unter vernünftigen Menschen auch nicht mehr möglich war. Ließ ich meinem Temperament freien Lauf und brüllte, nun raus auf der Straße, Dinge, die meinen Mechaniker, der mich als friedlichen Menschen schon Jahre kannte, sehr überraschten und für alle Anwesenden dieser uniformierten Performance eine schöne Geschichte fürs Wochenende gab. Ich wiederhole meine Brüllerei hier inhaltlich nicht, weil dies sonst sensible Damen ohne Schutzraum tief in ihrer Psyche verletzen oder an Intriganten und Denunzianten weitergegeben werden könnte.

Der Montag ging in ähnlicher Tonlage an. Wir erschienen in einem verwahrlosten Gebäude im administrativen Zentrum der Stadt. Hunderte von verstaubten beschlagnahmten Mopeds standen in Reih und Glied. Kaputte, eigene Gebrauchsfahrzeuge standen wirr durcheinander und warteten auf Reparatur oder auf nichts mehr. Im ersten Büro lag eine Matraze, im nächsten Raum ein Zelt. Im Ernst. Ein Zweimannzelt, hier auch, vielleicht, Gendergerecht, ein Zweifrauenzelt. Eine völlig gelangweilte Tussel meint, wir sollen da draussen unterm Baum warten, bis eine Zuständigkeit geklärt sei. Da saß ich nun, wieder mit dem Mechaniker, und wartete auf Zuständigkeit. Wir waren die einzigen in der Millionenstadt, die vom letzten Wochenende ihre Papiere wieder wollten und bereit waren, einen Strafzettel zu bezahlen.

Mit geringschätzigen Blicken wurden wir als Spielverderber gestraft und wieder kam das Thema auf Korruption. Einen Finger in meiner Wunde lautete ich über den ganzen Hof, dass ich in meinem Leben noch niemals an einer Korruption beteiligt gewesen sei und dieser Vorwurf das Unerhörteste sei, was mir, dem aufrechten Kämpfer für Recht und Gerechtigkeit niemals, ich betone, schreie, niemals vorgeworfen werden kann. Die dicke Tussel in ihrer frisch gebügelten Uniform begann mir laut zu widersprechen, während mich ein Kollege von ihr in Feinrippunterhemd, er kam wohl frisch von der Matraze, versuchte wegzuziehen und ich solle mich doch bitte bitte beruhigen. Dies ist in Afrika ein strategisch wichtiger Moment, den wir militärisch "Lagerbildung" nennen. Ein erster Freund und eine Feindin. Nun gilt es auf der Freundseite aufzuhäufen. Wild gestikulierend gegen die Eine, erläuternde Worte an die neuen Freunde.

Diese Strategie ist neu ankommenden deutschen FlüchtlingInnen, die hier Schutz und materielles Glück finden möchten oder Exil dem deutschen Finanzamt vorziehen, überhaupt gar nicht zu empfehlen. Diese unverschämte, aber äußerst wirksame Verhaltensweise wurde über Jahre trainiert und mit Lehrgeld bezahlt. Abgeschaut bei Engländer und Franzosen und sollte auch nicht allzu oft angewendet werden. Bei allen Nachteilen, haben alte weiß-beige Männer einen Vorteil gegenüber Indigenen. Man kann nicht einschätzen, wen sie kennen. Wenn der Einheimische von seinem Onkel loslegt der eine große Nummer sei, kann der in indigenen Familienchroniken und Stammeshirarchien sehr bewanderte Polizist sofort ableiten, dass der sich niemals einmischen würde, weil er nur ein um-zwei-Ecken-Onkel und mit dem Freund des Cousins vom Chef befreundet sei und ergo wegen einer solchen Lapalie .... Sie verstehen? Wenn sich ein Einheimischer als solchermaßen dick macht, riskiert er tagelanges Warten und mit viel Pech, eine Zellennacht.

Was ich Afrikaner in Deutschland abgeschaut habe, ist auch hier in Togo effektiv wirksam. Eskaliert die Situation in die falsche Richtung, müssen Sie sofort "Rassismus" schreien. Der hat mich aus rassistischen Gründen wegen meiner Hautfarbe angehalten und hat mich deswegen auch beleidigt. Hätte nicht gedacht, dass das so toll funktioniert.

Wenn sie nun als Europäer geschickt ein paar mögliche Beziehungen plazieren, ohne sie, ganz wichtig, nicht mit einem Namen zu unterfüttern, rücken sie aufgrund ihres unverschämten Auftritts in den Bereich einer potenziellen Gefahr. Das Ganze angereichert mit Respekt vor Alter und Erfahrung und dass es meine Steuergelder wären, mit denen die Hanns-Seidel-Stiftung für die korrekte Ausbildung der Polizei als eine Polizei der Bürger ausgestattet wird.

So beginne ich für manche der relativ vielen anwesenden Polizisten, weit über den Betrag und Strafzettel hinaus, ein potenzieller Vermittler fürs mitteleuropäische Paradies zu werden, in dem man fortgebildet werden kann. Andere denken: Au weh, dieser Knallkopf bringt unser ganzes ruhiges System durcheinander. Möglichst schnell wieder loswerden. So verliert langsam meine neue gegnerische Seite an Boden und siehe da, beleidigt zieht die Tussel fort. Nach weiteren zehn Minuten heißt es dann, der Stationchef bittet herein. Da sitzt die Dicke nun am kleinen Schreibtisch ihm zur großen Seite, was ihren Respekt heischenden Auftritt erklärt. Doch sie schweigt betreten.

Der Chef redet nun von beamtlichen Problemen und dass noch nicht alle seine Untergebenen den Geist der neuen Zeit begriffen hätten. Er bitte um Entschuldigung und Verständnis für ihr Fehlverhalten. Der Raum hat Strom und eine alte Klimanlage. Es lässt sich aushalten und die langen Ausführungen mit bestätigendem Nicken kommentieren. Wie in Deutschland bei Politikern, redet er lange ohne wirklich etwas zu sagen. Alles hört sich gut und vernünftig an. Nach weiteren zehn Minuten darf man auch was sagen und ist nun kontrolliert und auch vernünftig. Man bittet seinerseits um Verständnis für freigewordene Emotionen, übertreibt noch hier und da ein wenig und bestätigt ihm, dass er nicht umsonst Chef dieser Behörde sei, denn er rede sehr sehr gut und vor allen Dingen sehr vernünftig.

Abonkin sarki, sarki né. Das ist ein Sprichwort in Haussa und heißt: Der Freund des Chef ist ein Chef. Da viele Ranghohe aus dem Norden kommen oder dort schon Dienst gemacht haben, freut man sich immer über diese Erkenntnis aus Europäers Mund.

Der Strafzettel sei logischerweise Null und Nichtig und selbstverständlich seien hier meine Papiere. Draussen im Auto grinste ich meinen Mechaniker an, der schon mehrfach im Boden versinken wollte und Angst vor Verhaftung und Gefängniszelle hatte. Mein theatralischer Auftritt erweiterte meinen Bekanntheitsgrad auf der Chef-Ebene und ebenso die Wahrscheinlichkeit, in Zukunft weniger belästigt zu werden. Wen juckts, wenn mich nun eine dicke Tussel und ein Stern an der Schulterklappe nicht mag. Wenn die alle zusammen am Montag mittag über meinen furchtbaren Akzent und meine Versprecher lachen, beginnt auch der eine Stern, der Herr Sossou heißt, mich wieder zu mögen. Wenn wir uns das nächste Mal sehen, werden wir Witzchen über mich machen.

Merke. Es ist nicht nur Geld, das Afrikas Autoritäten haben wollen. Sie mögen auch Geschichten.

An jenem Wochenende hatte wir Glück mit dem Getriebe. Montag nach Erhalt der Zulassung also schnell zum TÜV. Beim rausfahren vom Gelände der technischen Prüfung begannen die Probleme wieder und unterwegs schaltete die Elektronik erneut auf Notlauf. Doch nun hatte ich die Plakette an der Windschutzscheibe und bin clean und ordentlich und akkurat. Einer eventuellen neuen Kontrolle sehe ich gelassen entgegen. Dass ich im zweiten Gang angefahren komme, können die ja nicht wissen. Ausserdem ist ja auch Niemand gefährdet durch langsames fahren. Meine sechs Zylinder produzieren in feinem sonoren Klang einen feinen Staub, der vom Atlantikwind sanft nach Deutschland getragen wird.

nix
Musik
 

wird störend oft empfunden, weil sie mit Geräusch verbunden.

Noch mehr als in Deutschland aber weniger als in der Elfenbeinküste oder im Kongo, plärrt, kreischt, brüllt und zuckersüßt es in Togo aus allem, was in Europa jemals gebraucht als Lautsprecher auf den Markt kam. Viele dieser Dinger sind groß und die meisten hören sich an, als wären sie kaputt. Wobei nicht klar ist, ob es die Aufnahme ist, die als achte Raubkopie so tut, als sei nicht sie es, sondern der Loude Speaker. Der Stolz des Besitzers zeigt sich darin, dass er den oberen Anschlag als Dauerzustand präsentiert. Die höfliche Frage, ob man da nicht etwas runterdrehen könnte, versteht er nicht, denn es ist zu laut.

Es klingt böse, aber man hat hin und wieder den Eindruck, als benötige der durchschnittliche Togoer eine phonetische Dauerberieselung und dazu eine kaputte Neonleuchte, die ständig flackert. Dazu den Geruch einer naheliegenden Müllhalde, die im Verhältnis zu Häuser bei etwa 1:25 liegt. Plärren, flimmern und riechen sind ständige Begleiter und wer eine Wohnung sucht, muss diese Faktoren unbedingt berücksichtigen. Haben Sie alles drei auf einmal, werden Sie irgendwann von der Botschaft nach Hause geflogen und dort in the funny house with trees and flowers eingeliefert.

Wie so oft, stimmt diese Beschreibung pauschal natürlich nicht, denn nur ein Teil der schon länger in Togo Lebenden hütet diese Rücksichtslosigkeiten. Den meisten geht der Musiklärm selbst gehörig gegen den Strich. Werbung in seinen Facetten hat hier nicht den Stellenwert wie auf anderen Kontinenten und ist nicht mit seinen Möglichkeiten in der Breite bewusst. Öffnet man ein Geschäft, heuert man einen Lautsprecherbesitzer an, der mit seiner Anlage vor der Türe Platz nimmt und sehr erheblich loslegt. Alle Lärmverursacher haben ein und diesselbe Raubkopie. Meist billiger nigerianischer Massendreck, von dem man annimmt, das sei hip. Aufgrund des Lärms geht zwar niemand hinein in die Neueröffnung, aber im ganzen Viertel wissen nun alle Bescheid, dass es sie gibt.

Die größten Lautsprecher benötigen clevere Geschäftsleute, die ihre Ware Wiedergeburt in stundenlanger Brüllerei anpreisen. Man hat den Eindruck, sie glauben, dass ihr Gott in der Stratosphäre wohnt und sie ihn mit Verstärker und Mikrofon direkt und unmittelbar auf sich aufmerksam machen wollen. Obwohl der sich von dieser Randaliererei noch nie beeindrucken ließ und weder um mehr noch um weniger laut bat, geht dieser Konkurrenzkampf unter Predigern ungebremst weiter. Bei einer Beerdigung wird ein Zelt vor dem Haus des Verstorbenen aufgebaut und die Lautsprecherbesitzer dazu eingeladen. Als ich, 200 Meter von meinem Haus entfernt, nachts um zwei dahin ging und freundlich um Minimierung bat, - es war, als stünde eine der Boxen neben meinem Bett -, antwortete der Verantwortliche für die irdische Verabschiedung, dies sei bei ihnen Tradition.

Auf meine Frage, ob die Lautsprecher aus Europa schon eine lange Tradition bei den Ewe hätten, reagierte er mit Schweigen und, man sollte es kaum glauben, aber tatsächlich reduzierte er so um die Hälfte. Damit beschallte er zwar bis morgens um acht immer noch das ganze Viertel, aber so moderat, dass man irgendwann doch schlafen konnte. So ab sechs drehte er nochmal auf, vermutlich weil sie nun auf der Abschieds-Party schon reichlich besoffen waren.

Irgendwie muss Lärm in der Tat in der dörflichen Vergangenheit eine Tradition haben. Aus Angst vor wilden Tieren haut man in manchen Gegenden die ganze Nacht auf einer Trommel rum. Demnach würde Lärm beschützen und man kann beruhigt dazu schlafen. Auch das wegwerfen von allem was als Verpackung eine Nahrung umschloss könnte so gedeutet werden. Nur dass heute die Ziegen und Hühner das ihnen hingeworfene Plastik als Geschenk nicht wirklich mögen. Früher wurde der Maisklos in Blätter eingewickelt und verkauft, heute gibts dafür durchsichtige Säckchen aus Erdölgrundlage.

Die neueste Variante sind kleine tragbare Lautsprecher, die an Telefone angeschlossen werden können. In Verbindung mit kleinen Akkus, an die wiederum das Telefon gestöpselt werden kann ist es eine Verbindung der unfassbaren Aufdringlichkeit.

Stellen Sie sch vor, Sie sitzen an einer Bar und haben es gerade geschafft, die Besitzerin zu überreden, eine Musike, die gerade noch laut Vordergrund war nun angenehm im Hintergrund plätschern zu lassen. Es lässt sich endlich mit der nebensitzenden Person plaudern und eine angenehme Athmosphäre verbreitet sich auch unter den anderen Anwesenden. Dies zieht nun zwei indigene Neureiche an, die kaum Platz genommen, Telefon und Lautsprecher herausholen und ihre eigene Disco parallel beisteuern. Davon angeregt tun am Tisch daneben drei weitere dasselbe. Wenn Sie nun noch über das sensible Gehör verfügen, beginnen Sie töten zu wollen.

Da in Togo fast nichts geht und man sich auch noch über solche Dinge der Abgestumpftheit wundert, kommt der Gedanke des erneuten Auswanderns. Doch wie langsam der Zorn kocht und man an andere Länder denkt, wo Geld in großen Mengen fließen würde, sagt der vielgereiste togoische Gesprächspartner: "Vergiss es". Dort sei es epidemisch, weil die Lautsprecher schon viel eher angekommen seien. Nigeria, Kongo, Elfenbeinküste. Nix da. Hölle.

Musik wird störend oft empfunden ...

Dies sind Momente, in denen sich noch der aufrechteste Demokrat einen Diktator mit Machtwort wünscht. Ein eisernes Dekret gegen Musik- und Plastikmüll. Ein Dekret gegen akkustische Umweltverschmutzung.

  Müllhalde mit Gartenwirtschaft in Avepozo
  Im Bildvordergrund die mit Müll bedeckten historischen Bahnschienen als Überbleibsel der deutschen Protektoratszeit und in der Bildmitte und hinten je eine Gartenwirtschaft. Über allem ein feiner Teppich grauslicher Musik
 

Herr Eyadema, Alleinherrscher und Freund von Herr F.-J. Strauß, schmiss Anfang der 1980er mal fast alle Kirchen einfach aus dem Land. Das war schön und nobel und es wurde ruhiger. Der Sohn ist kein so richtig richtiger Diktator mehr und die Parlamentarier sind die Besitzer von Kneipen und Kirchen oder Beidem und es geht gar nichts mehr mit Bedenken anmelden.

Der Zusammenhang von Lärmbeschallung und dass man damit Kunden vertreibt statt einlädt, verweigert sich den Gastronomen. Sie meinen, die Kirchen sind doch laut und voll. Wenn er oder sie dann noch beginnt, wunderschöne Balladen von Manu Dibangu in verhunzten Hallelujavariationen scheppern zu lassen, beginnt für die meisten die Stunde des Aufbruchs.

nix
Es gibt so Tage 29.3.2018
 

da will man sich in den nächsten Flieger setzen. Weg, nur weg aus dem wilden Süden. Da, wo am Ende der Bahnlinie der Bahnhof kaputt geht und das Gepäck schon beim aussteigen geklaut wird. Wo man angepöbelt wird. Wo man beleidigt wird. Wo man betrogen wird. Wo man angelogen wird und wo die Menschen ganz freundlich werden, wenn sie einem was viel zu teuer verkaufen wollen.

Gestern: 15 Kilometer mit dem Motorrad in die Stadt und zurück. 4 Unfälle. Der Kleinwagen frontal auf dem Laternenmast bei viel zu hoher Geschwindigkeit innerhalb der Stadt dürfte keine Verletzten zurückgelassen haben.

  Motorradunfall in Baguida
  Keine Knautschzone und kein Airbag. Hier dürften vier bis sieben Draufsitzende nun in klinischer Behandlung sein.
 

Es war eine jener Ausstellungen, die in Deutschland keine Presse interessiert hat. Es kam darin weder Kolonialismus noch Rassismus vor, sondern nur exzellent gemachte Fotos von George Osodi über Unfälle in Nigeria bei denen es auch keine Verletzten in abrasierten Führerhäusern gab. Dass in den meisten westafrikanischen Ländern mehr Leute im Straßenverkehr umkommen als an Aids und Malaria zusammen ist halt grauslicher als Alltagsrassismusforschung in Charlottenburg.

Ja. Der Rassimus. Unter Togoern, ich hab es schon mal ausgeführt, sind sehr sehr viele ganz kernige Rassisten. Trotzdem oder gerade darum wollen alle, oder fast alle, nach Deutschland obwohl die Grünlinken sich doch so sehr anstrengen, der Welt klarzumachen, dass es sich nicht lohnen würde nach dorthin zu kommen, da Deutschland voller Rassisten sei. Doch solange man selber einer ist, wirkt dieses Argument nicht abschreckend. Dort, in Deuschland, gäbe es sogar No-Go-Areas. Irgendwo da draussen auf dem Land, da, sollte eine Afrikaner jemals eine Landkarte oder gar Google-Map auf seinem Smartphone entdecken, er sowieso nicht hinwolle. Es wäre aber schlimm dort, denn es gäbe Nazis. Leider haben die Linken bei ihrer Abschreckung nicht erkannt, dass die meisten Togoer selber welche sind und Hitler sowieso prima finden. Der Togoer hat also im Prinzip keine Berührungsangst mit Nazi und Halbstarke sind sein größtes Problem auch nicht, denn Togo selbst ist voll mit grölenden Halbstarken. Die meisten die über Lybien oder Marokko kommen, sind selber welche.

Er, der Togoer, kommt auch nicht nach Deutschland, um sich mit den Linken solidarisch zu fühlen. Es sei denn, er kann ein Geld in einer NGO verdienen, dann wird er sprechen wie sie. Ein aktuelles Beispiel. Es interessiert den pauschalen Afrikaner Null Komma Null wie die Linken sich winden und verbiegen werden, ein Grundeinkommen für alle durchzusetzen, ohne bei ihrem sozialistischen Gedanken die Durchsetzung auf der Grundlage von nationalen Grenzen zu berücksichtigen. Den Schreiber interessierts, aber keinen Afrikaner den ich kenne. Es wird kaum klappen, ein Grundeinkommen ohne Definierung von Grenzen umzusetzen. Ist dem Afrikaner thematisch Wurst. Dann ist National und Sozialismus sowohl bei links und bei rechts wieder zusammen. Ist dem Dunklen ebenfalls so was von egal. Hauptsache, der durch Marokko und Lybien Kommende*innen findet seine Schutzräume, wo er sich vom Alltagsrassismus und seiner Angst davor erholen kann :-) Dort smartphoned er nach gefallenen Preisen für Dieselfahrzeuge und Kühlschränken und wartet auf die gute Nachricht, dass von den Schulden die die deutsche Regierung macht, auch er einen garantierten Anteil hat.

An diesem Punkt der Teilhabe der international darauf Wartender werden sich die Linken dann noch von den Rechten unterscheiden und die Antifa wird laut brüllend das Recht auf ein Stück vom Kuchen aller international Benachteiligten betonen und genau ausführen, dass sie deswegen die moralisch besseren Menschen seien. Die Linken werden ihn, den ankommenden Schutz suchenden, der eigentlich nicht Schutz sondern Geld sucht, dann auch beraten, dass seine Kinder, von denen der Afrikaner tendenziell eher viel machen möchte, ein Recht auf Kindergeld haben. Die SPD wird den Schutz und Geld suchenden beraten, wie er die restliche Familie nachholen kann. Integrationsschwierigkeiten habe er nur, weil er keine Frau zur Seite habe, die ihn dazu ständig ermuntert und Kinder, die schneller deutsch lernen. Alle wollen gut sein. In Deutschland. Und da soll abschrecken, dass es ein paar Rassisten und Nazis gäbe?

Ausser die Nafris. Die kotzen ab. Weil so viel von den Schutz suchenden Schutz im Park suchen. Dort, wo die Nafris grabschen wollen, verblocken die Dunklen nun Grünes. Noch nicht mal irgendwie gestreckt. Alda, die machen voll den Maakt an Aasch, ey.

 

Bevor die Schutz suchenden also ihre Bankkarte, ihr Smartphone und ihren Ausweis in die Reistasche stecken und mit dem Bus für umgerechnet 45 Euro von Lomé bis Agadez im Niger fahren, hab ich sie hier am Hals. Dauernd ist mal wieder einer freundlich, weil er sich von mir eine Einladung erhofft um gemütlicher ins Paradis zu kommen. Der Zaun von den Marokkanern und die ungemütlichen lybischen Gummiboote würden ja noch gehen, aber die Maghrebiner sind solch dermaßen knackige Rassisten, dass die Dunklen da bestenfalls als drittklassige Ware behandelt werden. Da ein Hin-und-Zurück-Flugticket paradoxerweise günstiger ist als ein One-Way, verliert man nichts vor dem Untertauchen in der Wohlstandsillegalität, wenn man das Visa vor Ort in Togo bekommt.

Ein toller Plan der guten Menschen in Deutschland ist auch, hier, also direkt in Lomé oder anderswo in Westafrika, Büros einzurichten, um die Flüchlingsströme zu kontrollieren. Dann könnte der Togoer*inn seinen Asylantrag gleich hier stellen und muss sich weder dem lästigen Procedere eines Touristenvisums noch den ungemütlichen Lastwagen von Niger nach Lybien aussetzen, weil dort nämlich von 800.000 die durch die Wüste reisen, laut deutschem Entwicklungshilfeminister rund eine Million verdursten. Brav wird der künftig Reisende bei Demonstrationen der Opposition teilnehmen. Mit ein wenig Rinderblut sieht er auf dem Smartphone seines Kumpels dann auch authentisch oppositionel aus. Bluetooth und Facebook sind bei der Verbreitung hilfreich.

Eigentlich hat sich in einigen Bevölkerungsschichten in Afrika die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich acht Kinder pro Frau und Familie nicht mehr lohnen, da bei der Abwanderung in die urbanen Zentren die Kids später die Familie auf dem Land und in der Provinz nicht mehr unterstützen. Somit also das traditionelle Rentensystem nicht mehr tut. Der nicht musulmanische Afrikaner macht auch keine vielen Kinder, damit die sich später im gerechten Kampf gegen die Ungläubigen opfern oder bei demokratischen Abstimmungen eine totalitäre Mehrheit bekommen werden, sondern sie sollten sein Palmweingarant im Alter sein. Doch nun lohnt sich Kindermachen wieder. Mit sechzehn ab nach Deutschland, wo sie sagen müssen, sie seien ganz arg gequält worden in ihren dreizehn Leidensjahren. Mit Prügel auf sie eingeschlagen, bis dem pubertären Nixnutz klar wurde, wie man später bei Western-Union einzahlt und dann die polygamen Tanten nachholt. Das sollen sie aber nicht sagen. Die Kids müssen statt dessen sagen, sie benötigen Schutz und Liebe und hätten gerne Bildung. Halleluja haben sie schon mit einem Jahr gelernt und seitdem gründlich täglich wiederholt.

Diejenigen, die aus irgendeinem Grund die Zeit verpasst oder zu dämlich zum reisen waren, machen mich zum Schuldigen ihrer Misere. Von Facebook und Whatsapp wissen sie, dass ich sie ausbeute. Afrika wäre bereits unendlich reich, wenn da nicht Europäer, Libanesen und nun auch noch Chinesen wären. Als älterer weisser schuldiger Mann, so denkt er, vögle ich seine Sisters die ihn nicht lassen. Das tue ich von dem Geld, das eigentlich ihm zusteht, weshalb er mir bei Gelegenheit auch locker ungefragt etwas wegnehmen darf oder er auch der Sister ungefragt das verdiente wieder abnimmt. Mit vielleicht noch einer Backpfeife dazu. Da er weis, dass ich ihn diskriminiere, tut auch er mich diskrimitietieren, oder so.

Ja. Der Alltag.

Luftlinie etwa 20 Meter entfernt öffnete zwei Tage vor diesen Worten eine Bar. Das ist die Ankündigung einer Katastrophe, besonders wenn man vorher schon die Lautsprecher und den Mischpult gesehen hat. Der Soundcheck dürfte das gesamte Viertel erfreut haben. Brutal. Nur dieses Wort gilt, wenn man um 23 Uhr nach Hause kommt und hört diesselbe Lautstärke wie beim Soundcheck. Brutal. Ultrabrutal. Nach fünf Minuten Kontragenuss also rüber.

Der gemeine Togoer und sehr viele seiner Innen tun tagsüber nicht sehr viel, was die Schuld vom Präsidenten ist, weil der ihnen keine Arbeit zur Verfügung stellt bei der man so viel verdient wie ein Franzose.

  Schlafende
  Kein Hupen und keine Kreissäge stört den süßen Schlummer
 

Blinkende Lichter, Fleischspieße und brutalst machbarer Lärm versüßen die wohltemperierte Nacht und Rücksichtnahme ist eine Forderung von einem Ausländer, der hier nichts verloren hat, denn das ist ihr Land in dem sie Lärm machen wie es ihnen gefällt. Und wenn es bis vier Uhr morgens geht, dann geht es bis vier Uhr morgens. Ich also dort, den Kassenmann gegrüßt und geradeaus durch Schweiß und Lärm hindurch die Frage gestellt, ob das nun jede Nacht so gehe? Dort drüben sei das Fenster von meinem Büro und dort das von meinem Schlafzimmer. Der junge Mann war freundlich und sagte Nein Nein. Heute sei Inauguration, ergo nur heute laut und ausserdem stelle er in ein paar Minuten leiser. Ich freute mich, denn in ähnlichen Situation wurde ich früher schon mal völlig ohne Respekt gegenüber den Privilegien des älteren weissen Mannes unflätigst angeraunt.

Die Frage nach jeder Nacht ist für einen nicht hier Lebenden vielleicht unbedeutend. Für Jemanden hier ist sie von großem Interesse. Nur weitere 200 Meter weiter in Wind-Weg-Richtung von mir hat es gleich drei solcher Etablissements, die infernalisch laute Stimmung machen. 7 Tage die Woche bis 3 Uhr morgens. Noch einmal 100 Meter, diesmal in Windrichtung von der Lärmquelle aus gesehen, ist das kleine Krankenhaus in dem man mich ambulant pflegte und ich mich öfters fragte, wie stationäre Patienten bei diesem Lärm gesunden können?

Gerade überlegte ich also, ob ich bis zur Leiserstellung noch ein Bierchen in mich laufen lassen wolle, als ein dunkler Berserker aus dem Nichts der hinteren Kulissen auf mich zupolterte, mir vor die Brust schlug und mich anbrüllte, was ich hier wolle. Ich hätt hier nix zu wollen. Raus hier. Raus. Batsch. Noch einen Schubser vor den Latz. Das mag ich nun gar nicht und ich hielt mein Gesicht so ungefähr sieben Zentimeter vor das seine und schaute ihm sehr tief in seine Augen. Es währte nicht lange und er befreite sich von dieser Drohgebärde und schubste mich noch einmal von der Veranda. Nun wurde ich laut. Einige andere Gäste auch. Sie wussten zwar genauso wenig wie der Muskelhalbstarke um was es ging, aber da war ein Weisser und der ist schuld an jeglicher Misere. Ein anderer Gast kannte mich und zog mich weg von dem Geschehen, während ein anderer Freund von ihm die rächende Meute im Zaum hielt.

Die meisten Europäer schützen sich vor solchen Situationen dadurch, dass sie nur in klimatisierte gastliche Stätten gehen, wo drei Menschen in Uniform solange auf ihren Vierrad achtgeben. All dies umgeben von hohen Mauern. Danach fahren sie ins klimatisierte Zuhause, wo ein Mann in Uniform innerhalb hoher Mauern auf Auto und Schlaf achtgibt. Stellvertretend für sie muss ich nun herhalten, für Ausbeutung und Neokolonialismus und leeren Geldbeutel zu büßen. Es ist noch nichts wirklich Schmerzhaftes geschehen, was mit eigener Körpergröße und Durchsetzungsvermögen zu tun hat, aber schon oft hätte ein kleiner dummer Zufall Eskalation der unangenehmen Art bedeuten können. Wenn ich in den letzten vier Jahren ungefähr hundert verbale rassitischen Beleidigungen abziehe, bleiben ungefähr zwanzig ähnliche Situationen wie diese beschriebene.

Es gab schon Touristinnen, ohne Sternchen, die nach einem einzigen Tag darauf bestanden, sofort wieder abzureisen. Gut. Das ist sehr selten und nicht wirklich repräsentativ, doch es könnte eine solche Situation gewesen sein, die sie zu dieser drastischen Forderung trieb. Nicht alle können Afrika. Ach ja, der mich schützte ist der Bruder von einem, der schon in Deutschland ist. Seit Monaten spricht er mich bei jedem sich Treffen beim gemeinsamen Automechaniker auf ein Einladungsschreiben an. Die Selbstlosigkeit der Hilfe hat gewisse Grenzen. Es kann also nicht gar zu schlimm sein für sein Bruderherzchen en Allemagne, der von dort am laufenden Band Autos schickt und neue Begehrlichkeiten weckt.

nix
Arbeit 30.3.2018
 

Da ich nun zu einem ganz heiklen Thema komme, möchte ich versöhnliche Worte vorausschicken.

Es gibt im schönen Togo hochanständige Menschen, die bestenfalls, würde es sie geben, die Hausratsversicherung, wie hochanständige Menschen in Deutschland auch, um ein klein wenig bescheissen, damit man sich von den teuren Monatszahlungen wieder was zurückholt. Diese Menschen arbeiten ordentlich tagein tagaus und gehen brav in die Kirche oder machen seltsame Dinge beim Voodoo. Wenn man eine Firma hat, gibt es auch hier zuverlässige Angestellte, mit denen kooperieren Freude bereitet. Es gibt auch in Togo verlässliche kleine Firmen, deren Chef zu seinem Wort steht.

Halt nicht so arg viele. Die meisten der Hiesigen dürfen unbeaufsichtigt kein teures Buch in die Hand nehmen, weil es danach wegen Eselsohren auf der Hochglanzseite nicht mehr teuer sein wird und manche hier beherrschen die Kunst, etwas aus irdener Ware nur anzuschauen und schon hat es einen Riss. Das beste, unzerstörbare Qualitätswerkszeug hält die Versprechung in dunklen Händen nicht ein und Zeit ist ein Faktor, an dem man hier merkt, dass man sich noch nie viel Gedanken um ein Uhrwerk machte.

  Energiehändlerin
  Holzkohlehändlerin
 

Ganz und gar seltsam wird es einem, wenn man die Selbstständigkeitsstrukturen in Lomé betrachtet. Jemand eröffnet ein Geschäft und tut von nun an alles um es schnellstmöglich wieder hinzurichten. Haben die Europäer noch einen manischen Drang zum Aufbau und Fortschritt um jeden Preis, um dann kollektiv das Erreichte in bestimmten Rhythmen durch Kriege wieder zusammenzuwerfen, so scheint die Togoerinnen und Togoer dies in einem gewissen Zeitraffer und individuell an sich selbst zu erledigen. Sie bauen auf, eröffnen und von nun an, als wäre es nur um die Eröffnung selbst gegangen, wird vernachlässigt. Re-Investieren gibt es nicht. Nur noch Gewinn bis nichts mehr geht. Das gebaute Haus wird von Insekten aufgegessen, ein kaputtes Rohr zerstört nass die Mauer, es wird nicht mehr gestrichen. Das Dach am Kiosk ist kaputt und auch wenn Ware zerstört wird, lange wird es nicht repariert. Am Auto weist ein Geräusch auf ein nahendes Problem, das aber erst behoben wird, wenn noch drei weitere Teile nach Totalzusammenbruch ersetzt werden müssen und es nun viel teurer kommt.

Auch was an afrikanischer Innovation von aussen hinein fabuliert wird, es ist nicht eine Mentalität, etwas zu tun und einen Markt mit etwas Neuem zu gewinnen. Das Kiosk sieht aus wie am Haus daneben und es werden diesselben Tomatenmarkdosen und Spaghetti verkauft wie nebenan. Neben solchen Krämerläden die alle dasselbe Angebot haben und wegen ihrer schieren Menge kaum Gewinn abwerfen, sind noch Läden für Haarteile sehr beliebt. Oft sitzen die Damen einen, zwei Tage auf einem Hocker und es fuchteln drei weitere, meist junge Damen, an ihnen herum und es wird geflochten, gerissen, gezupft, gebunden und gelacht.

Das Dritte in der Häufigkeitshierarchie sind Lokale. Maquise, Bars, Restaurants. Sie gehen auf und zu und auf und zu. Warum sie zugehen ist höchst interessant aber auch anstrengend für den Gast. Zunächst wird eröffnet. Alles ist schön sauber, gedämpfte Musik, es gibt ein schönes Angebot an Essen und Trinken. Bedienung, Koch, Chef und Chefin sind freundlich. Probiert und für gut befunden sammeln sich die Freunde.

Doch nun wird dem Togoer langweilig, eintönig. Er stört sich daran, dass es geht und nun beginnt ein Phänomen. An einem Abend beginnt es damit, dass ihm zu wenig Gäste scheinen. Die lobend für gut empfohlene Musik wird aufgedreht und gegen elektronisches BummBummmBumm mit elektronischer Verzerrung gewechselt. Beim dritten Mal einer solchen Einlage verschwinden die ersten Gäste mit sensiblem Gehör. Dann stellt sich heraus, dass die Lautsprecher jemand gehören, der sie wieder möchte und nun sind bei gleicher Lautstärke kaputte, billige Teile, bei denen Bässe nachdröhnen und die Höhen scheppern. Wieder gehen Kunden. Dies wird nun dem Koch angekreidet. Der war bisher gut, schmollt aber jetzt, bis er eines Tages einfach nicht mehr da ist. Nun kocht die Chefin selbst. Sie könne das mindestens genauso gut, kann es aber nicht. Nun fehlt im Angebot zuerst dies und dann das. "Il nja pa", "gibts nicht", ist der meistgeäußerte Satz nach "Ca wa allé", "wird schon werden". Was vorher gut war ist nun schlecht. Dann bricht ein Gast mit dem Stuhl hinunter und eine Stolperfalle wird nicht beseitigt, obwohl schon fünf Menschen der Länge lang auf dem Bauch lagen.

Dann fehlen die ersten Gertänke und die vorhandenen sind warm, weil der Kühlschrank kaputt ist und nicht repariert wird. Weil nun die Umsätze nicht mehr reichen, werden die Preise erhöht und die Menge am Essen eingespart. Weil nun noch weniger geht, wird ein Anlauf genommen und unfassbar schlechte Musiker angeheuert, deren Schnaps trinkende Freunde nicht ganz gewaschen sind. Gegröhle und schlechte Musik. Dann lässt man sich Werbemaßnahmen aufschwatzen, die darin bestehen, Plastikplanen mit Hühnchen und Speisen die es hier gar nicht gibt festzunageln und in allen Farben blinkende Lichtchen aufzuhängen. Das Klo ist voll und nun wird im Umkreis überall an die Wände gepisst. Dann wird beim Putzen gespart, der Vermieter nimmt ein Pfand mit, Tischdecken wurden durch Plastikplanen ersetzt und hängen in Fetzen. Alle ehemaligen Gäste sind weg und wenn man Monate später nochmal vorbeifährt hängt ein Schild Zu vermieten an einem Zaun mit vielen Lücken.

Will man zwischendrin helfen und engagiert sich ein wenig, wird man schnell zum Feind der für alles verantwortlich gemacht wird. Man wird für seine Hilfe nun schlecht behandelt und schon das reicht, nicht mehr zu kommen. Mann sagte: Mach doch die Musik leiser, es ist doch niemand da ausser mir, bitte mach das Blinklicht aus. Mach doch noch wenigstens eine Kleinigkeit zum Essen und bitte, du weißt doch, dass ich komme, dann schalte doch bitte rechtzeitig deinen Kühlschrank wieder ein. Am nächsten Tag ist die Musik zu laut, das Licht blinkt, es gibt nichts zu essen, der Kühlschrank wurde erst vor einer Stunde eingeschalten und das Bier ist Pisswarm.

Vier Jahre meines Aufenthalts haben noch nicht ausgereicht, dieses Prinzip der Selbstverstümmelung und notorisch kollektiven Erfolgsverweigerung im Detail zu durchschauen. Doch der Autor bleibt dran. Auch da dran, dass dieses Prinzip ganz langsam auf Europäer übergreift. Schleichend erwischte es den Wurstmacher Rainer und und noch eine ganze Reihe von hier durchhängenden Menschen aus dem hohen Norden. Hat es mich auch schon erwischt?

Bald erzähle ich, dass das hinauswerfen oder wegärgern des besten Kunden auch zu oben genannter Strategie gehört. Wird der Kunde zu gut, wächst eine Abhängigkeit, von der man sich nur durch Vergraulung lösen kann.

  Das Ende des einträglichen Energiehandels
  Dieses Foto wurde am 29. April hier eingefügt und dokumentiert den Verfall des lukrativen Energiehandels. Der weiter oben abgebildete Kohlehandel hat nun zwei Tropenstürme hinter sich, die das Dach mit sich nahmen. Mangelnde Rücklage, ein wenig wurde geklaut und laufende Kosten der großen Großfamilie verhinderten eine Re-Investition. Um die Ecke, nicht sichtbar hat die Chefin der großen Großfamilie nun umgesattelt und siebt Sand. Dieser Sand wird am Strand geklaut, halt nein, sagen wir geholt, wo er grob in grob und fein unterteilt schnell auf kleine Lastentransporter geladen und zur Chefin gebracht wird. Nun wird von ihr und vielen frei angestellten fein von grob und fein per Sieb getrennt und schnell weiter hinein ins Landesinnere verbracht.

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