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Kolumnen
von Peter Herrmann
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Aktuell
7.7.2019

Graue Linie
Togoer in Baguida feiern
 

Diese Feier passt nicht in das Weltbild eines modernen Deutschen. Sollten Sie eine Deutschinn sein, die maskuline Vergangenheit aus der Menschheitsgeschichte löschen will und die Konfrontation damit Schmerzen bereitet, sollten sie die folgenden Fotos nicht anschauen und ganz sicher nicht den Text lesen.

Die abgebildeten Afrikaner, Togoer, tun etwas, das ganz und gar nicht mit dem Schuldkomplex der Deutschen übereinstimmt. Sie feiern die Unterzeichnung vom 4. Juli 1884 der Protektoratsverträge mit dem monarchischen Deutschland. Togoer schützen die schon dort lebenden und die noch kommenden Deutschen und die Deutschen schützen die Togoer vor kolonialen Ambitionen anderer Europäer. Die Verträge vorbereitet und unterzeichnet hat für die Deutschen ein Herr Dr. Gustav Nachtigal, der noch heute in Togo eine sehr angesehene und geschätzte Person ist. In Deutschland wird sein Name getilgt.

GEdenkfeier für gustav Nachtigal
 

Das Monument.

Das Monument ist ein beeindruckendes Kunstwerk von Paul Ahyi, das 1984 zum hundertjährigen Jubiläum von Präsident Gnassingbe Eyadema in Auftrag gegeben und von seinem Freund Herr Franz Josef Strauß großzügig unterstützt wurde. Dieser Artikel handelt also vom 135jährigen Jubiläum

Gedenkfeier
 

Rechts im Bild, dem Monument gegenüber, sitzen die bedeutenden Persönlichkeiten aus Baguida, Lomé und der Region. Einige der hohen Würdenträger haben ihre persönliche Kleidung. Um den Anlass auch äußerlich zu würdigen, einigt man sich im Vorfeld der Veranstaltung auf ein Stoffdesign und viele geladene Gäste lassen exklusiv für diesen Anlass ein Kostüm schneidern. Die so genannten Notablen sind Chefs, die man früher als lokale Könige bezeichnete, Sous-Chefs, Vertreter bedeutender Familien und ihre Frauen sowie Direktoren, Administration und Gendarmerie.

Die auf dem Foto sichtbare hintere Seite ist ausschließlich für Musiker reserviert. Männer spielen die verschiedenen Trommeln, Frauen legen den Rhythmusteppich mit hölzernen Schlegeln und Rasseln und tanzen.

Die dritte Seite des U, die auf dem oberen Foto den Rücken zeigen, sind weniger wichtige geladene Gäste, zufällig Dazugekommenene und nochmals Musiker.

Ehrengäste
 

Die Veranstaltung begann um ungefähr 10 Uhr vormittags und endete am Mittag. Zwei Stunden lang wurden Reden gehalten und abwechselnd heizten die Musiker die Stimmung. Das Monument ist als Skulptur modern und gibt die Rahmung, die musikalischen Beiträge sind traditionell.

Rede
 

Obligatorisch, wie in fast allen afrikanischen Ländern vergleichbar, hängt an zentraler Position ein Foto des derzeitigen Präsidenten Faure Gnassingbé. Einer der offensichtlich wichtigen Persönlichkeiten hält in der lokalen Sprache Ewe eine Rede, bei der immer wieder der Name Gustav Nachtigal erwähnt wird. Togoer betrachten die damalige Zeit der Kooperation als ihre Blütezeit was Entwicklung betrifft und wünschen sich, als breiter Konsens, dass sie von den Deutschen wieder mehr beachtet werden.

Dieser Wunsch ist mehr als nur ein Gedanke des billig an Geld kommens. Togo fühlt sich als ein Land, das von den ungeliebten Franzosen nicht beachtet wurde und schieben viel Verantwortung ihrer Bildungsmisere und Entwicklungsrückstands auf Frankreich. Die Deutschen investierten viel in schulische und berufliche Ausbildung. Ähnlich wie in Kamerun sagt man von den Deutschen, sie hätten Das Recht gebracht. Dazu wären sie allerdings heute nicht mehr in der Lage, nur weiß man das in Togo nicht, weil sich viel Wunschdenken am kollektiven Gedächtnis orientiert. Fast niemand in Togo würde auf die absurde Idee kommen, sie seien von den Deutschen ausgebeutet worden. Wie soll man eine religiöse Massenpsychose in Deutschland nachvollziehen können, die nur noch vergangenes Unrecht beleuchtet, das man durch Flagellation wieder gutzumachen sucht.

Dirigent
 

Nach einer Rede folgt eine musikalische Einlage.

Tanzgruppe
 

lets swing ...

Frauen halten den Rhythmus
 

Ein Blick in die Reihen der Frauen. Bei genauer Betrachtung lassen sich drei Gruppierungen erkennen. Die grünen und die bunten Damen von denen die meisten sitzen. Im Bildhintergrund sind junge Frauen mit schwarzen T-Shirts zu sehen, die ihren Gruppennamen und Telefonnummer auf dem Rücken tragen.

Der Narr
 

Der Narr darf nicht fehlen. In den rot-weißen Farben des Trickstergottes Legba lobt er die Anwesenden, schmeichelt, nimmt sie auf die Schippe und ihr Geld ab. Wie in Westafrika weit verbreitet, zeigen die Honoritäten ihre Großzügigkeit, in dem sie auf ihn zugehen und ihm einen möglichst großen Geldschein auf die Stirn drücken.

Der Nutznieser
 

Ein einziger Yovo, wie die Europäer genannt werden, wurde in die Reihe der wichtigen Persönlichkeiten geladen. Allerdings ist zu vermuten, dass er dies etwas nachdrücklich selbst getan hat. Der Mann im Outfit eines Bedürftigen ist kein Deutscher sondern Hölländer und darf vertraglich ein paar wenige Tische auf dem Platz des Denkmals stellen und Bier verkaufen. Weil er die Vertragskonditionen der Platzanzahl etwas großzügiger auslegt als seine Kleidung, macht er wohl einen bedeutenden Eindruck. Da die wenigen Deutschen, die noch im Land verblieben sind, meist zu denjenigen gehören, die dem opportunen Geist huldigen und nicht an einer Veranstaltung teilnehmen möchten, die sie an ihr vermeintlich böses koloniales Erbe erinnert, hat er wohl eine Alibifunktion.

Ob es diplomatisches Kalkül oder einfach Zufall ist, dass der deutsche Botschafter erst zwei Tage nach dieser Veranstaltung seinen frischen Dienst antritt, lässt sich wohl nicht beantworten. Doch ein klein wenig mehr an Beachtung hätten die Togoer auch ohne Chefdiplomat verdient.

Deutsche Ehrengäste
 

Der holländische alte Mann lieferte die textile Steilvorlage. Wer für die Einladung der Yovos im Flügel der weniger bedeutenden Personen verantwortlich war, wenn nicht er, wird wohl für immer Geheimnis bleiben. Doch scheint die Triebfeder des Tuns gewesen zu sein, die eigene Person möglichst exklusiv dadurch in den Vordergrund zu schieben, dass man möglichst wenig ähnlich gefärbte Personen benachrichtigt.

Auf dem leeren Stuhl saß ein Vierzehnjähriger, der jedesmal, wenn ein Fotograf in seine Nähe kam, schamhaft sein Gesicht bedeckte. Weil es ihm sichtlich unangenehm im Kreise seiner berockten Angehörigen war, wurde ein Foto ohne ihn ausgesucht. Plötzlich war er weg. Das kann man verstehen.

Das obige Foto hat einen hohen symbolischen Charakter, weil es im Kleinen das Verhältnis von Deutschland zu Togo darstellt. Man biedert sich leicht an, in dem man als Nuance ungeschickt ein freundliches Signal senden möchte, bleibt aber an der Geste ohne Konsequenz stecken. Die offensichtliche Nachlässigkeit zeigt sich auch bei der Auswahl der politischen Deligierten, die in schöner Regelmäßigkeit in Togo aufschlagen um Geld zum Fenster hinauszuwerfen und drei Tage damit eine schöne Geste machen, die aber mittlerweile diplomatisch eher als Beleidigung augefasst wird. Schuld und Sühne in Verbindung mit protestantischer Einfalt und Verzicht auf jeglichen Pomp verderben langsam den Ruf.

Chef Samedi
 

Die Deutschen haben die Veranstaltung ignoriert, nicht so die togoischen Medien. Während der Veranstaltung waren immer wieder am Rande kleine Pressekonferenzen. Hier sieht man den Chef Samedi. Früher hätte er wohl die Bezeichnung König der Region Baguida getragen und wäre vom Rang derjenige, der heute den Vertrag mit Gustav Nachtigal gezeichnet hätte.

Interessanterweise ist der Chef ein Haussa und sein Name ist nicht mit dem französischen Samstag zu übersetzen. Also nicht Anghöriger der Ewe oder Minna, die den Süden Togos dominieren. Der Name "Baguida" ist ein Haussa-Wort und hat eine Mehrfachbedeutung. "Kreuzung", im Sinne "Wo Mensch sich trifft" aber auch "Gastfreundschaft", sehr frei übersetzt. Ba Gídáa als "Mensch" und "Haus" ergibt in der Zusammensetzung einen erweiterten Sinn. Ob dies 1884 von symbolischer Bedeutung war, lässt sich nur vermuten.

Musikgruppe
 

Und wieder geht es zwischendrin ab.

Notable
 

Es folgt eine Foto-Reihe von kleinen Impressionen, während sich die Veranstaltung auflöst um dem deutschen Betrachter ein Gefühl zu vermitteln, wie sichtbar wichtig den Togoern diese Veranstaltung ist.

In vollem Ornat
 

Immer wieder das diesjährige Design, aufgelockert durch eigene Auswahl um Hirarchien anzudeuten.

Damen
 

Foto mit Damen. Bei dieser Veranstaltung zeigen sie sich relativ bescheiden. Es scheint für sie wichtigere Anlässe zu geben, bei denen sie mit Reichtum voll behangen sind. Distinguierte Schlichtheit.

Ein Schnäüslein in Ehren, kann niemand verwehren
 

Auch in Togo muss man Ischias vorbeugen. Unaufällig in einer Wasserflasche befindet sich die gebrannte Medizin

Alte Damen
 

Alte Damen, hippes Outfit.

Basstrommel
 

Nach der offiziellen Veranstaltung geht es richtig ab. Sechs verschiedene Gruppen spielen mal miteinander, mal gegeneinander. Manch ein Chef greift selbst zu den Stöcken oder zeigt, dass er das Tanzen noch beherrscht.

graue kleine Linie
 

Hinter dieser Veranstaltung schwebt die aktuelle Nachricht der Medien, dass im Jahr 2020 die 15 Mitgliedsstaaten der Ecowas vorhaben, eine eigene Währung zu nutzen. Einerseits stimme ich mit Afrikanern überein, dass man hin und wieder einen konsequenten Schnitt wagen muss, andererseits bin ich skeptisch, ob die Länder, die mit dem Franc CFA an den Euro gebunden sind, diesen Schritt in die riskante Instabilität machen sollten.

Was in Europa von den Staaten des Euro scheinbar nicht thematisert wurde, ist, dass die Franzosen 50% der gesamten afrikanischen CFA-Währung bei sich als Garantie für ihre hegemonialen Ansprüche bunkern und man es aus afrikanischer Sicht versäumt hatte, sie bei der finanziellen Anbindung an den Euro aus dieser einseitigen Abhängigkeit zu befreien.

Mehrmals hatte ich in Deutschland von Vertretern der Politik gehört wenn ich Verbesserungsvorschläge machte, dass man schon vor langer Zeit übereingekommen sei, Afrika den Franzosen und den Engländern zu überlassen. Aus togoischer Sicht ein Affront. Die anschließende Frage, warum man dann dauernd so tut und Ankündigungen macht, als ob man sich engagieren wolle und es dann eben doch nicht macht, sorgte regelmäßig für betretenes Schweigen.

Soll man es scheinheilig nennen oder einen Notfall?

Resümée
 

Heute, im Jahr 2019, sind deutsche Firmen weder vor der französischen Bürokratie noch der Willkür einheimischer Korruptionsvertreter geschützt. Mit der Wirkung, dass es fast keine deutsche Firma mehr in Togo gibt. Auch die aufgeblasenen Willensbekundungen der deutschen Politik, die gleichzeitig dulden, dass man Erinnerungsorte in Deutschland löscht, können hier nichts bewirken. Keine Geldlockung wird eine Firma dazu bewegen, nach Afrika und Togo zu gehen, solange es keine Protektionsverträge gibt.

Wie das aussehen könnte, wird hier niemand gefragt und niemand in Deutschland möchte sich an Herrn Nachtigall erinnern, was für Togoer nicht nachvollziehbar ist. Er hätte faire Verträge gemacht. Sagt man.


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