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Kolumnen
Peter Herrmann. Juni 2008
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Tragödie in Afrika - Schwabe von Löwe gefressen!
 

Hört sich besser an als "Sehr geehrte Leser". Zugegeben, der Titel hat nichts, aber auch gar nichts mit den folgenden Inhalten zu tun. Mit dieser Überschrift der Bildzeitung Ende der 1990er, die mich in der Straßenbahn in schallendes Lachen ausbrechen ließ, wollte ich nur Ihre Aufmerksamkeit. Die Realität in der Galeriearbeit ist weniger blutrünstig. Obwohl. Nachdem ein paar Akteure auf dem Feld der Kunst Afrikas den Artikel ganz zu Ende gelesen haben, würden die mich vielleicht gerne einer Großkatze vorwerfen.

Einige ereignisreiche Monate liegen seit meinem letzten Artikel hinter uns und es gibt Interessantes zu resümieren. Messe, Vorlesungen, Ausstellungen, Professur und Politik. Mit einer Ausführung über einen wichtigen Aspekt zu Benin-Bronzen möchte ich feuilletonistisch schwadronieren - und für Freunde der Lästerzunge gibt’s auch was. Diesmal nehme ich mir Sammler vor, die sich vereinstechnisch als Freunde afrikanischer Kultur tarnen. Und dann sind da noch Visionen. Vorstellungen, wie man kulturelles Afrika nach Berlin und hier arbeitende Protagonisten besser ins Licht bringt. Der Arbeitstitel dazu: Afrikanische Kulturtage 2009. Dann knöpfe ich mir noch einen Retter gefallener Mädchen vor, der mit ähnlichen Stiftungsgedanken die Kunst Afrikas vor Leuten wie mir beschützen möchte.

Zurück zur Galerie. Die Messe in Johannesburg, an der wir im März diesen Jahres teilnahmen, war schon alleine deshalb ein Erfolg, weil wir nach einigen Jahren der Konzentration auf unsere Räume wieder nach aussen, aus Berlin heraus kamen. Wir konnten mit den vier dort gezeigten Künstlerinnen und Künstlern die ersten Ergebnisse eines angestrebten neuen Profils der Galerie präsentieren und haben vielversprechende Kontakte gemacht. Weil dies so war, entschloss ich mich, diese vier Künstler in einer Gruppe aktuell noch einmal zu zeigen, um die Namen präsent zu halten.

Louzla Darabi bekam in der Juli/August-Ausgabe acht Seiten plus die Titelseite von DU, dem bekannten Schweizer Kulturmagazin. Angeregt wurde der Artikel von dem Chefredakteur Walter Keller, mit Text von Franz Wasserfallen. Seit ich die Künstlerin 2004 ins Programm aufgenommen habe, hat sie eine beachtliche Karriere gezeigt. Noch krasser boomt Malam. Seit unserer Einzelausstellung letztes Jahr wurde von Patrick Brunie ein sehenswerter Dokumentarfilm über den Künstler gedreht. Die halbe Ausstellung ist verkauft und die Goodman Gallery dabei der wichtigste Kunde. Die riesige Installation Traverser cette barrière wird Oktober mit meiner Beteiligung unter dem Pont Alexandre III mitten in Paris gezeigt und im Mai 2009 als Highlight zu den geplanten Kulturtagen nach Berlin gebracht. Bill Kouélany hat seit ihrem Documenta-Auftritt einen vollen Terminkalender und reiste in Sachen Szenografie zwischen Los Angeles, Brazzaville und Paris. Übrigens hat auch Louzla Darabi wieder eine Kooperation mit einem Tanzensemble. Diesmal in München.

Die Edition Braus hat mit HQ eine ganz feines Buch herausgebracht (gibts in der Galerie). Neben anderen Sparten wie Grafik und Fotografie sind fünf bildende Künstler darin mit jeweils etwa 10 Arbeiten abgebildet. Kuratiert wurde diese Auswahl von Udo Kittelmann, dem kommenden Direktor der Nationalgalerie Berlin. Einer der sechs Künstler heißt Chéri Samba. Zusammengestellt wurde die Bildauswahl von mir in Zusammenarbeit mit André Magnin, dem Kurator der Sammlung Pigozzi, die den Künstler maßgeblich dahin brachte, wo er heute steht.

Und wieder aus der Galerie heraus. Eine Professur und eine Juniorprofessur für afrikanische Kunstgeschichte an der FU Berlin waren verblüffend kurz ausgeschrieben und wir sind gespannt, wer auf den Platz berufen wird. So geheimnisvoll es vorher war, weil wir lange nicht wussten, wann denn nun endlich angekündigt wird, so still ist es danach. Ich kenne niemanden, der einen Tip geben könnte. Wir müssen uns also in Geduld üben. Derweil kann man eine umfangreiche Vorlesungsreihe am Kunsthistorischen Institut besuchen. Auf der Kunstakademischen Seite tut sich etwas in Sachen Afrika.

Haben Sie schon den Afrika-Schwerpunkt im umfangreichsten Programmheft des deutschsprachigen Raums gelesen? Auf 36 Seiten haben wir in gemeinsamer Arbeit mit der Redaktion von Kunsttermine für Sie einen Überblick erarbeitet der zeigen soll, wer sich um neue und alte Kunst aus Afrika verdient macht und erwähnenswert ist. Die Galerie Peter Herrmann hat mit einem Portrait der Galerie, einem Interview mit und einem Artikel von Peter Herrmann eine deutliche Präsenz. Dass die Redaktion unbedingt einen Artikel über die Ausstellung Around and Around haben wollte, machte mich sehr glücklich. 1995 hatte das noch niemanden wirklich interessiert. Doch heute beginnt die Ausstellung Kult zu werden und es wird im Rückblick leichter nachvollziehbar, warum sie sehr wichtig war.

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Wie unser Programm so auch dieser Artikel. Er springt vom historischen Afrika zum Zeitgenössischen und wieder zurück. Der Fachartikel von Dorina Hecht über Bronzen aus Benin wurde in der englischen Übersetzung in zehn Monaten schon mehr als zwölfhundert Mal (in Zahlen: 1200!!) und die deutsche Seite knapp 600 Mal besucht. Für einen Fachartikel eine enorme Menge an der man das Interesse am Thema überhaupt einmal erfassen kann und für die Galerie als Initiator natürlich sehr erfreulich. Seit Erscheinen meiner zwei Kolumnen und des Artikels von Dorina Hecht über die Kultur Benins haben sich wieder neue Aspekte ergeben, auf die ich im Folgenden etwas näher eingehen möchte. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass eine Auseinandersetzung mit dieser Kultur für mich und einige Mitstreiter hohen exemplarischen Wert hat. Über Fachdetails hinaus fordern wir, mit Benin als Beispiel, eine neue Herangehensweise an alte Kunst aus Afrika. Dies beinhaltet rechtliche Aspekte, tangiert Rückforderungsansprüche, rückt Museumsbestände in ein neues Licht und verneint postkoloniale Siegerhistorik.

Die Logik nachzuvollziehen ist durchaus auch für Freunde der zeitgenössischen Kunst einmal interessant. Ein paar Absätze fordere ich zwar erheblich Ihre Konzentration und setze kleine Grundkenntnisse voraus, aber es lohnt sich. Wenn meine Hypothese unter zuhilfenahme gerundeter Zahlen einigermaßen stimmt, krempelt es hinter den Kulissen einiges um. Als los:

Ausgehend von einem Mengenvergleich schlecht gearbeiteter Stücke bei den Bild-Tafeln von Luschan aus seinem Standardwerk von 1919, die zu einem großen Teil aus dem Kontingent des Plünderungsfeldzuges der Briten von 1897 stammen, tauchte eine rechnerische Fragestellung auf: Wenn das damalige Raubkontingent von Bronzen 1500 Stücke umfasste, davon 600 nach Berlin gelangten, weitere 600 in London, verblieben mathematisch nur etwa 300 für andere Museen. Diese Rechnung kann nicht stimmen. Die an der Wien/Paris/Berlin-Ausstellung beteiligten Museen verfügen über eine weit größere Anzahl. Ich ging bei meinen weiteren Überlegungen davon aus, dass Dark und Plankensteiner von einer Anzahl von 4000 Bronzen ausgehen, die sie als "echt" akzeptieren und dass dies ein zählbarer Museumsbestand ist. Doch wann und wo wurden dann die restlichen 2500 gekauft?

Wenn man zugrunde legt, dass bei den gefundenen Objekten des Plünderungsfeldzuges ein Areal auf dem Palastgelände abgeräumt wurde, auf dem eine große Anzahl Bronzen lag, die beim Verlassen der Stadt von den Einwohnern zurückgelassener wurden, reduziert sich die Anzahl guter Objekte stark. Viele der bei Luschan abgebildeten Bronzen weisen grobe Beschädigungen auf und sind handwerklich sehr schlecht gearbeitet. Natürlich hat man bei der Flucht vor der absehbaren Plünderung der Stadt die am besten gearbeiteten Stücke mitgenommen, da sie den Familienschatz bildeten. Große schwere Stücke wie ausladende Elfenbeinzähne und überdimensionale Bronzeskulpturen hatte man in einem mit Unrat getarnten Lager unter eine Schicht mit minderwertigen und beschädigten Stücken gelegt.

Die Briten berichteten, dass die gefundenen Objekte achtlos unter Schutt und Dreck lagen und behaupteten gegenüber der europäischen Öffentlichkeit, dass man in einer niedergehenden Kultur schon gar keine Achtsamkeit mehr für das eigene Kulturgut hatte. Es wurde dergestalt geschildert, dass diese Barbarei einen von Dekadenz und Menschenopfern geprägten Niedergang belegte. So konnte nicht nur das Argument greifen, dass man den militärischen Einsatz mit Beschlagnahmungen finanzieren müsse, sondern konnte als eine weitere Legitimation für Diebstahl im Zeichen der britischen Krone einen Kulturerhalt simulieren.

Ich führe dies aus, um die Zahl von 1500 Objekten zu relativieren, die von einigen musealen Kennern als einzig echte akzeptiert werden. Gute, darunter viele große Stücke, lagen versteckt unter Schlechten. Vor diesem Hintergrund wäre nun interessant zu wissen, wie viele der dreihundert gezeigten Bronzeobjekte in der Wien/Paris/Berlin-Ausstellung aus dem Plünderungskontingent stammen. Ich erinnere, 2500 wurden nach 1900 von den Museen angekauft. Diese Objekte müssen also aus dem freien Handel stammen. Da diese vermutlich im Gesamten eine bessere Qualität haben, stammen in der Wien/Paris/Berlin-Ausstellung ergo eine Anzahl x aus dem freien Handel. Ich habe nichts davon wahrgenommen, dass es eine kuratorische Maxime gibt, dass nur nachweisbare Beutestücke ausgestellt wurden.

Es wurde also gar nicht ernsthaft ein Authentizitätsanspruch geltend gemacht, der ausschliesslich auf der Theorie basierte, diese 1500 Objekte seien Beweis für Echtheit, weil sie "kontrolliert" nach Europa verbracht wurden. Dass 2500 Objekte nicht aus dem gestohlenen Konvolut stammen, tangiert im übrigen eine Rückforderungsdiskussion. Die beschränkt sich nämlich seitens der Nigerianer ausschließlich auf ihrer Meinung nach gestohlenes Gut. Also 1500. Nicht auf gekauftes. Die weiteren 2500.

Der eigentliche Kern, den ich einkreisen möchte, ist folgender: Wenn diese 2500 Bronzeobjekte nach der Veräusserung der Expeditionsbeute gekauft wurden, also in den Jahren nach 1900, waren sie aus exakt den gleichen Quellen auf denselben Handelswegen nach Europa gelangt, wie diejenigen unserer Ausstellung und andere Stücke, die sich in privaten Sammlungen und im Handel befinden. Als sehr grobe Schätzung nehme ich in Deutschland, einem Handelszentrum für Bronzen aus Benin, etwa 500-1000 hochwertige Objekte und eine unzählbare Menge kleinerer und fragmentarischer Objekte an. Fotografien von fliegenden nigerianischen Händlern mit Benin-Bronzen im Angebot gab es ab 1900.

Diese Einschätzung dürfte ich mit einer grossen Anzahl Kenner teilen. Bei der Untersuchung von 112 Objekten über 25 Jahre bis 2004 bei Sotheby's und Christie's stellte Herr Günter Kawik fest, dass im Text gerade mal zwei Objekte auf den Plünderungsfeldzug Bezug nahmen. Alle anderen kamen offensichtlich aus dem freien Handel und wurden ohne Angaben von Expertisen selbstverständlich als alt beschrieben.

Dieser Umstand ist wiederum von großer Bedeutung für den Handel. Es stellt sich die Frage, mit welcher Berechtigung die großen Auktionshäuser Sammler und mittelständische Händler vor die Türe setzen und ihnen mit einem symbolischen Tritt die Botschaft verpassen, ihre Objekte seien Fälschungen. Es wäre statthaft, wenn sie argumentieren würden, sie wollten nicht so viele Objekte oder nur mit wichtiger Sammlungsprovenienz und hätten deshalb kein Interesse. Es ist aber schäbig vor den Sammlern, dem Handel und der Kunstgeschichte gleichermaßen, aus egoistischer Preispolitik, wider besseren Wissens, andere mit dem Begriff Fälschung abzustempeln und damit einen weiteren Verkauf der somit verbrannten Objekte praktisch unmöglich zu machen.

Bei diesem Artikel ist vorrangig der kunsthistorische Aspekt von Bedeutung, der über Studium des Handels eine Schritt vorwärts kommen kann. Die Recherche der Einkaufsquellen von jenen vage angenommenen 2500 Bronzeobjekten sind in Archiven vermerkt. Die Ethnologen können an diesem Punkt als erster Ansatz hilfreich sein. interessant zu wissen wäre, ob meine angenommenen 500-1000 Objekte in privatem Besitz eventuell in dem Konvolut der von Dark und Plankensteiner genannten 4000 schon enthalten sind. Im nächsten Schritt sollten die Erfahrungen des Handels avisiert werden. Die wertvollsten Hinweise für unsere Recherchen kamen von Sammlern und Händlern. Nicht von WissenschaftlerInnen.


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Wichtig zu bemerken und mit einer Bitte an einige Museumsethnologen verbunden, ist das Unterlassen einer falschen Stereotype. Anfragenden Journalisten wird gesagt, fast alle echten Objekte der Benin-Kultur wären in Museen. Zum Zeitpunkt der Recherchen zu diesen Zeilen, zum wiederholten Mal in der FAZ über die Versteigerung bei Lempertz. Meine Damen und Herren Wissenschaftler, die Erde ist keine Scheibe. Der Artikel kam in der Rubrik Kunst und Markt. Der Hinweis auf die Ausstellung in Berlin-Dahlem ist drin, warum war der Galerist Peter Herrmann als Vertreter des Markts mit seiner Ausstellung nicht erwähnt? Weil immer noch laut Aussage einiger Ethnologen alle "echten" Benin Stücke vom Raubzug stammen und in Museen wären. Da kann also was nicht stimmen, beim Handel. Wenn was nicht stimmen kann, geht der Journalismus auf Distanz, beeinflusst durch die Aussage des renommierten Hauses. Warum, liebe Ethnologinnen und Ethnologen ärgert ihr dauernd den Handel. Mit einer Scheibe?

Ein anderes Kapitel. Es gibt und wird meines Wissens keine Rückforderung auf gehandelte Objekte geben. Es wurde ausser dem Plünderungsfeldzug von 1897 gemessen an der vorhandenen Menge nachvollziehbar fast nicht entwendet. Auch was andauernd als Raubgrabung dargestellt wird ist oft genug eurozentrische Rechtsinterpretation. Nigerianische Ausfuhrgesetze und Definierungen von nationalem Kulturgut beziehen sich auf Objekte aus dem Palast oder gehen davon aus, dass Ife-Bronzen in minimaler Stückzahl in Ife ausgegraben werden, greifen aber nicht bei Objekten, die sich schon lange in Familienbesitz befunden hatten und seit über hundert Jahren bis heute von dort verkauft und gehandelt werden. Es gibt keine per-se-Bestimmung abgeleitet von dem Material Bronze. Eine neue, vernünftig rechtliche Kategorisierung für die Zukunft ist aus nigerianischer Sicht aber nicht möglich, solange vernünftige Kategorien nicht anerkannt sind. Ein möglicher Weg führt auch in dieser Hinsicht über kunsthistorisch genaue Beschreibungen.

Diese Möglichkeit kann an dem neu entstehenden Lehrstuhl für afrikanische Kunstgeschichte übernommen werden. Berlin ist prädestiniert dazu. Deutschland ist, wie schon erwähnt, ein Zentrum für Bronzen aus Benin. Nicht Paris und nicht Brüssel. Der Forschungsgegenstand liegt vor der Haustüre. Man kann sehr frei und kooperativ mit Nigeria zusammenarbeiten, da man keine Berge von Moral abräumen muss, sondern frei davon an Geschichte im wissenschaftlichen Sinn herangehen kann.

Ein jüngst bei Auktionshaus Lempertz in Brüssel versteigerter Kopf mit Flügelhaube hatte die Gnade, schon unmittelbar nach 1900 gehandelt worden zu sein. Wie wir wissen, sind einige Objekte parallel zu den registrierten Objekten von Armeeangehörigen nach England verbracht und von dort an den internationalen Handel verkauft worden. Einige davon dürften schön gearbeitete aus dem gefundenen Lot vom Palastgelände gewesen sein, andere dürften schon damals gekauft worden sein. Im Umland haben die Briten nicht geplündert, sondern hatten auch einheimische Verbündete. Bronzen wurden meist in Benin gefertigt, viele nahmen im Lauf von 1000 Jahren aber den Weg ins Umland, in dem ein neu entstehendes europäisches Interesse im Tausch - allzu menschlich - gegen Geld befriedigt wurde. Auch die nach der Plünderung zurückgekehrten Einwohner der Stadt Benin standen vor zerstörten Existenzen und waren, sarkastisch ausgedrückt, froh, das vor der Plünderung versteckte Tafelsilber zu Geld machen zu können.

Man darf nicht vergessen. Um 1900 war mit dem Bekanntwerden der Bronzen aus Nigeria eine enorme Nachfrage in Europa entstanden und konnte kaum befriedigt werden. In unserem Angebot sind beispielsweise 15 Objekte aus der Dresdener Sammlung Paul Garn, die er 1920 in Paris erwarb. Nicht nur Museen kauften in großem Stil an, auch viele private Sammler hatten Begehrlichkeiten.


Weil wir nun bei Sammlern angelangt sind, und Ethnologen und Auktionshäuser für heute schon abgehakt sind, möchte ich mich etwas ausführlicher auf diese Spezies werfen. Wie überall gibt es auch hier Solche und Solche. Manche sammeln für sich alleine und manche möchten Mitglied einer Gemeinde Gleichgesinnter sein. Für diese Gruppe gibt es im deutschsprachigen Raum die Vereinigung der Freunde afrikanischer Kultur e.V. (*)

Dieser vielversprechende Titel begann auf mich Anfang der 1990er zu wirken und einige Jahre war auch ich Mitglied dieses erlauchten Kreises. Damals Mitte Dreißig, verstörte mich zunächst ein wenig joviale Sätze des Gründerpatriarchen Herrn Professor Zake, wie "Unsere Frauen haben guten Kuchen gebacken und werden uns in der Pause mit Kaffee verwöhnen". Nun gut, dachte ich, eine andere Generation und andere Frauen. Halt dein Mundwerk und sage einfach mal nichts, dachte ich weiter, und wunderte mich über immer mehr Dinge. Händler seien nicht erwünscht in diesen Kreisen. Also hielt ich mich vornehm zurück und mimte den Sammler. Es war aber nicht zu übersehen, dass hier ein fleißiger Wohnzimmerhandel betrieben wurde. Der Chef der ganzen Angelegenheit schien Herr Zake selbst. Wie viele andere kaufte und verkaufte er in durchaus großem Stil. Alles ziemlich radikal steuerbefreit, dachte ich mir weiter und witterte den Grund, warum unsereins als Galerist dabei als störende Konkurrenz betrachtet werden könnte. Aber alle schauten sich immer mächtig seriös Gelehrtenhaft an und standen über solchen Überlegungen.

Da einige Vorträge ganz interessant waren, schaltete ich einen Teil meiner Persönlichkeit ab und wollte willig lernen. Trotz aller Wunder hatte Herr Zake als erlauchter Notabler den ganzen doktoralen Haufen im Griff und alles war sicher und gut wie weiland bei Diktator Eyadema in Lomé. Doch dann verstarb die Eminenz und andere wollten Kalif anstelle des Kalifen werden. Das nicht mehr zu ertragende Ausmaß an Wichtigtuerei hat mich dann auch vertrieben. Von nun an gings bergab.

Einige im Verein verbliebene, etwas resistenter veranlagte Freunde und Bekannte, versorgten mich sporadisch mit Informationen. Auf diesem Wege bekam man dann Bilder zugesandt, wo kunsthandwerkliche Großkontingente verschoben wurden, einer dem anderen, welcher Leser wundert sich noch, Fälschungsvorwürfe nachrief, erboste Austritte, Vetterleswirtschaft und ein Programm, dessen banale Inhalte durchaus mal an Schmerzgrenzen ging. Die fachliche Inkompetenz einiger früher Vorstandspersönlichkeiten sind Legende und Händler tauchten ebenfalls auf, aber was für welche....!. In dieser hochseltsamen Ballung, bei der es selbstverständlich durch all die Jahre hindurch keinen störenden Afrikaner gab, wurde ein Afrikabild gepflegt, das exotistisch verfremdete, vorkoloniale Ansätze pflegte. Mehr und mehr pseudowissenschaftliche Vorträge, von Dilettanten verbraten, mündeten im Ratequiz über stilistische Zuordnungen von Skulpturen, die, vom Projektor an die Wand gebeamt, nur in konturalen Umrissen zu sehen waren und es wird mit Stämmen und Königreichen jongliert, dass es eine Pracht ist.

Freunde afrikanischer Kultur ist denn auch eine sinnverfehlte Bezeichnung. Man redet leidenschaftlich über das Lieblingsthema Fälschungen und beschränkt die afrikanische Kultur auf subsaharische Skulptur und Maske, vermischelt noch ein wenig Deko mit Gebrauchsgegenständen des Alltags, die dekorativ aufgepäppelt wurden und möglichst wieder an Maske und Skulptur erinnern. Dies ist im wesentlichen der großspurige Kulturbegriff dieses eingetragenen Vereins. Welches Niveau das hat, lässt sich an der Qualität des Internetauftritts festmachen. Hier hat sich ein Gönner mutig aus dem Vereins-Neolithikum heraus gewagt und einen technischen Quantensprung versucht. Das Ergebnis: Die schlechteste Seite, die ich seit langen auf meinen Reisen durch das weltweite Netz gesehen habe. An Minderwertigkeit nur überboten von Links auf dieser Seite, die zu, man glaubt es kaum, noch schlechteren Seiten einiger Mitglieder führen. Eine Steigerung der skurrilen Art.

Obwohl nun der Kulturbegriff des Vereins der Freunde reduziert ist auf traditionelle Kunst einiger Regionen Afrikas, ist es von Interesse, deren Agieren auf diesem Feld kurz zu betrachten. Im Zusammenhang mit den Bronzen Nigerias kritisierte ich in vorigen Artikeln vornehmlich den Stand der Ethnologen und beschrieb deren Schwerfälligkeiten in der Auseinandersetzung mit neuen Erkenntnissen. Was ich damals nicht ahnen konnte, dass die tumbste Fraktion ausgerechnet eine der Sammler ist, Vereinstechnisch flankiert von den für sie zuständigen Händlern. Diese Ballung scheint vorrangig damit beschäftigt, ihre kleinkarierten Vorgärten zu pflegen und Wurzelseppen als hohe Kunst zurechtzubiegen. Wehe, etwas entspricht nicht dieser Vereins-Kultur. Da wird dann hinterrücks gestänkert und denunziert, dass es eine Wonne hat. Jeder vernünftige Mensch, der mit dem schwierigen Feld afrikanischer Kunst zu tun hat, weiß, dass bei allem Fleiss nur ein winziges Spektrum zu überschauen ist und entwickelt eine Bescheidenheit vor diesem unfassbar riesigen Feld. Die Selbstherrlichkeit und Überheblichkeit in Verbindung mit Halbwissen, das aus diesen Kreisen dringt ist abstoßend. Da helfen auch ein paar im Verein verbliebene kompetente Kenner und Spezialisten leider nicht, um dieses Renomée zu verbessern.

Unsere kunsthistorische Forschung an den Bronzen und der Kultur des heutigen Nigeria wird in diesen Kreisen trotz seiner Aktualität und Tragweite nicht bearbeitet oder besprochen. Kein Kommentar, kein Essay, kein Vortrag, keine Einladung. Zeitgenössische Kunst wird bestenfalls als dekadent belächelt. Seine Eminenz, Patriarch Zake, war tatsächlich der Einzige aus diesem Kreis, der mich noch kurz vor seinem Tod ansprach, ob ich nicht einen Vortrag über Zusammenhänge alter und neuer Kunst machen wolle. Seitdem gibt es dieses Anliegen nicht mehr. Der afrikanische Kulturbegriff reduziert auf alte Ethno- oder Stammeskunst wie sie es dort nennen, diese fast ausschließlich auf West- und Zentralafrika beschränkt, qualitativ anspruchslos in der Betrachtung und allen neuen Erkenntnissen selbst in diesem winzig reduzierten Segment noch ablehnend gegenüber stehend. Nicht nur bei Bronzen, das war nur ein aktuelles Beispiel. So präsentiert sich die Vereinigung der Freunde afrikanischer Kultur e.V.

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Lieber Leser, der es mindestens so gut mit Afrika meint, wie die meisten Vereinigungsgänger auch, halte noch durch. Es gibt noch einen weiteren Guten unter Guten. Wundern tut es nur, dass Afrika noch so viele Probleme hat, wo es doch die ganze Welt so gut mit dem Kontinent meint.

Wenn Saulus zum Paulus wird, brauchen wir weder Papst noch Vergangenheit bemühen, sondern wir können immer noch bei alter Kunst aus Afrika und ihrer Bearbeitung in der Jetztzeit bleiben. Den seit langem unangenehmsten gut gemeinten Artikel dazu habe ich von Herr H.-L. Alexander von Berswordt-Wallrabe gelesen, der in dem Buch mit dem seltsam zusammenhanglosen Titel "Situation Kunst - für Max Imdahl. Die Erweiterung 2006" angibt, sich neben afrikanischer Kunst im allgemeinen, auch mit Kunst aus Nigeria im Speziellen auszukennen. Fast Obsessiv sogar. Ansonsten eher occasionell, schreibt er. Da wir gerne mehr Konsens hätten, ist es angebracht, seinem grossen Einfluss einmal eine gesunde Kritik entgegenzustellen.

Mit altem Geld tat er zunächst Gutes an der zeitgenössischen Kunst und machte sich als Händler, Galerist, Verbandsgründer und mit einer Stiftung für versklavte Mädchen aus Osteuropa wohl rechtschaffen verdient. Für viel Geld eine weitere Stiftung anzulegen, in der auch Kunst aus Afrika eine Rolle spielt, hört sich auch noch gut an. Weniger löblich ist sein Agieren auf dem Feld seiner ehemaligen Standesgenossen, der Händler. Er jagt sie in genanntem Artikel Jesusmässig mit eisernem Besen hinaus aus dem afrikanischen Tempel, den es nach seinem Gusto radikal zu reinigen gilt. Und zwar pauschalisierend ausnahmslos Alle. Er fand Unrat, Skrupellosität, feuilletonistisches Schwadronieren und moniert in seiner unwissenschaftlichen Schrift das allgemeine Fehlen von Wissenschaftlichkeit.

Die schärfsten Kritiker der Elche, waren früher selber welche*. An Herr H.-L. Alexander von Berswordt-Wallrabe kann man sehen was mit jemandem passieren kann, der seinem Tun einen Denkfehler zugrunde legt. Als er auf dem Podium einer Veranstaltung in Wien saß und mir durch seine Fehlinterpretationen unangenehm auffiel, behauptet er auch dort, dass der Markt überschwemmt von Fälschungen wäre. Wohl zum Zwecke einer Bestätigung dieser populistischen Theorie lud er schon ein Jahr vorher Wissenschaftler von Rang nach Bochum und eröffnete dort sein Reinigungsritual. Zur Belohnung durfte der Gönner als Gast von Frau Barbara Plankensteiner mit einer grundfalschen These auf dem Podium in Wien Platz nehmen, reden und Beweisfotos zeigen.

Herr Berswordt-Wallrabe hält Repliken für Fälschungen und ist als (ehemaliger?) Kunsthändler paradoxerweise nicht in Lage, zwischen diesen beiden Zuständen zu unterscheiden. Täte er dies, würde er nicht mehr von Überschwemmung reden. Wir haben weder von Terrakotten noch von Bronzen eine Überschwemmung mit Fälschungen. Dies ist schlichter Unfug, trägt nichts zur Klärung unterschiedlicher Thesen bei, sondern schürt weitere Verunsicherungen. Es gibt Fälschungsversuche in diesen Bereichen, die einige Kollegen mit seriösem Interesse genau suchen, aber durch moderne Analysemethoden ist es fast unmöglich, diese am Markt zu plazieren und entsprechend wenige gibt es. Dass schlecht ausgebildete Sammler und Händler, die einen VW nicht von einem Mercedes unterscheiden können, Repliken mal zu einem echten Schnäppchen mutieren lassen wollen, können wir bitte nicht als Maßstab nehmen. Er aber wirft es generalisierend allen deutschen Händlern und, so ganz nebenbei, afrikanischen Herstellern vor.

Die Beweise des Tempelreinigers und einigen Wissenschaftlern, die sich seiner Ausführung anschließen, sind Fotos von kameruner und nigerianischen kunsthandwerklichen Werkstätten, deren Betreiber freundlicherweise die Erlaubnis gaben, ihre Arbeit fotografieren zu dürfen. Herr Berswordt-Wallrabe unterstellt über seine Händlerschelte afrikanischen Herstellern von Repliken, die seriös als solche an den Handel verkauft und ausgeführt werden, im logischen Schluss kriminelles Tun. Denn das ist es, das Herstellen von Fälschungen. Das ist nun aber gar nicht nett von Herr Berswordt-Wallrabe gegenüber manchen Bewohnern des Kontinents Afrika, auch wenn er es sicher nicht so meint. Seine moralisierenden Missverständnisse in Verbindung mit Einfluss auf die Wissenschaft richten in einer sachlichen Auseinandersetzung groben Schaden an. Das Gegenteil von Gut ist Gut gemeint.

Menschen wie er, die als Sündenböcke ihrer fragwürdigen Auslegung unbedacht Afrikaner wählen, die zu weit weg leben um sich gegen solche Litaneien zu wehren, bringen mich durchaus mal in Rage. Mit Vielen dieser pauschal kriminalisierten Berufskaste aus Ländern in denen ich lebte, hatte ich Geschäfte gemacht und fühle mich deshalb genötigt, einen Stab für sie zu brechen. Würden in Deutschland Bilder von Werkstätten auf Symposien herumgezeigt, die Hersteller von Gips-Nofreteten für Museumsshops als Fälscher bezeichnen, würde es aus dem Stand Unterlassungsklagen und Schadensersatzforderungen hageln. Mit Afrikanern kann man es ja machen. Und es noch, Bücher verlegend, gut dabei meinen.

Es wundert mich immer wieder, wie wenig an Afrikaner gedacht wird bei vielen vermeintlichen Freunden afrikanischer Kulturen.


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Der Artikel ist wie üblich wieder zu lang. Ich mache ihn noch länger, denn er soll mit angenehmen Beschreibungen enden. Die lauten zum Beispiel, dass wir an der Forschung zu Bronzen weitermachen und über Benin hinaus noch andere Regionen einbeziehen. Ein Hahn und eine seltsame Bronzemaske aus Kamerun mit 250 Jahren, ein Zeremonialstab von dort mit 300 Jahren. Eine Bronze im Nok-Stil (Sie lesen richtig) mit 220 Jahren wirft Fragen der Herkunft auf. Eine Bronzemaske der nördlichen Elfenbeinküste oder Mali mit 360 Jahren die der Sammler Paul Garn um 1920 in Paris kaufte, gibt Rätsel auf. Noch mehr Fragen ergeben sich aus einer weiteren alten Sammlung aus Dresden, die wir seit Kurzem bearbeiten.

Wenn dann ein Gustl kommt und vermisst Wissenschaftlichkeit, werde ich ihn zuerst mal Fragen, ob er ein wissenschaftliches Institut kennt, das momentan so viel forscht wie Frau Hecht für die Galerie. Forscht, nicht abschreibt und ein bisschen umformuliert.

Und neben det Janze Akademische gibt es hoffentlich Afrikanische Kulturtage 2009. Da kommt schon beim Gedanke wieder Freude auf. Ein unbearbeitetes Äckerchen. Denn in dem ganzen Berliner Kunstrummel fehlt anteilsmäßig die Präsenz von Künstlern aus Afrika. Die ganze Welt tummelt sich hier, nur für Afrikaner fehlen bisher die Anreize. Einige wenige wie die Künstlerinnen Liz Crossley und Manuela Sambo, oder der Künstler Mansour Ciss hielten in den Jahren der Dürre aus und schafften sich mit Unterricht, Übersetzungen und Museumsführungen ein Zubrot.

Letztgenannter gewann jüngst auf der Biennale in Dakar den ersten Preis. Wir nehmen dies zum Anlass, ihn, Mansour Ciss, Kanakassi, den regen Wanderer zwischen den Kulturen, etwas mehr ins Licht der hiesigen Öffentlichkeit bringen. Nach Jahren, in denen er sich als alleinerziehender Vater vorrangig um seine Kinder kümmern musste, kann er sich nun wieder primär der Kunst widmen und ist randvoll mit Tatendrang. Seit der Übersiedelung der Galerie von Stuttgart nach Berlin kooperierten wir mit ihm in kleinen Dimensionen.

Notorische Besucher der Galerie erinnern sich an die erste Präsentation seines Projekts Déberlinisation im Jahr 2001 in der denkwürdigen Ausstellung Berliner Konferenz mit dem vielsagenden Untertitel Afroschwäbisches trifft auf Berliner Positionen. Mit diesem Projekt Laboratoire Déberlinisation gewann er übrigens nun den Preis in Dakar und wird damit zu den Kulturtagen im öffentlichen Berliner Raum ausstellen. Sein Künstlerzentrum Villa Gottfried in Senegal konnten wir ebenfalls schon in der Galerie präsentieren. In einer geplanten Einzelausstellung zu Anfang 2009 werden wir eine monetär konzeptuelle Arbeit mit dem Titel Afro - Made in China vorstellen. Dieses Jahr folgen noch zwei Einzelausstellungen mit Gemälden von Ransome Stanley und Louzla Darabi und auch fürs kommende Jahr wird es interessant.

Was die Ausstellung nächstes Jahr im Hamburger Bahnhof laut Bundespräsident Köhler und seinen Mitarbeitern im Bundespräsidialamt leisten sollte, nämlich eine Bezug zu lokalen Aktivitäten herzustellen, werden wir mit den Kulturtagen einlösen und dabei eine Schiene nach Paris ausbauen. Wenn wir, trotz präsidialen Wunschs, nicht in dieser Ausstellung mitspielen dürfen, weil man dort leiderleider ein eigenes Süpplein kocht, machen wir eben Drumrum so Allerlei und nützen die Ausstellung als einen von mehreren Höhepunkten.

Dieses Jahr war das Sommerfest von Herr und Frau Köhler im Park von Schloss Bellevue noch stark auf Deutschland ausgerichtet, was an sich auch logisch ist und ich sehr genossen habe. Vielleicht können wir trotzdem für 2009, dem Afrika-Jahr von Herr Köhler, den einen oder anderen kleinen Vorschlag machen, um als Ausnahme eine mehr internationale Färbung hinein zu bekommen. Longitude 0/20 spielt Kammermusik und würde gut passen, beim Catering hätte ich westafrikanische Vorschläge und die Weine aus Südafrika habe ich in Johannesburg neulich schon mal vorgekostet.

Das wars für heute. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Nicht vergessen: Kaufen Sie Kunst. Aber schnell noch bei mir, bevor mich einer der im Artikel Kritisierten den Löwen vorwirft.

© Peter Herrmann im Juni 2008

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(*) Anmerkung vom 1.10.2010
Heute verfügt die Vereinigung der Freunde afrikanischer Kultur über eine eigene Seite. Nach der obigen Kritik wurde versucht, die damals aktuelle "http://about-africa.illov.de"-Seite zu verbessern und sich unabhängig darzustellen.

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